[CD-Vorwort - Dingler]

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Hugo Dingler: Gesammelte Werke

VorbemerkungenSicherheit und System: Dinglers GrundkonstellationDas System: Ein erster Überblick»Methodisches« Denken und »Vollbegründung«Pragmatisch-operative Begründung: Der Primat des HandelnsRekonstruktives und KritischesDenken der Grenze, diesseits wie jenseits: Dinglers MetaphysikEin Blick auf den »politischen Dingler«Sicherheit, gewonnen und zerronnen: Versuch einer Problemsynopse

Sicherheitstraum und Systemwille: Ein einleitender Essay

von Ulrich Weiß

VORBEMERKUNGEN

Dieser einleitende Essay, der sich in der Ausgabe der Gesammelten Werke Dinglers neben das Vorwort und die editorischen Bemerkungen gruppiert, will nicht eine Einleitung im herkömmlichen Verständnis bieten. Dazu liegen thematische Aufrisse vor, wie etwa das Einführungsbuch von Wilhelm Krampf: »Die Philosophie Hugo Dinglers« (1955), die Einleitung von Kuno Lorenz und Jürgen Mittelstraß zu ihre Teilausgabe von Dinglers »Die Ergreifung des Wirklichen« (1969) oder meine eigene Einführung zur Neuherausgabe von vier »Aufsätzen zur Methodik« von Hugo Dingler (1987). Statt dessen unternehme ich einen Versuch, das publizierte Oeuvre Dinglers, wie es auf dieser CD-ROM-Edition gesammelt zugänglich gemacht wird, in seinen Grundintentionen und thematischen Schwerpunkten zu skizzieren, Bezüglichkeiten anzudeuten und Problemlinien aufzuweisen. Daß auf einen detaillierteren Anmerkungsapparat verzichtet wird, mag mit Blick auf die vielfältigen Recherchemöglichkeiten dieser CD-ROM entschuldbar sein.

SICHERHEIT UND SYSTEM: DINGLERS GRUNDKONSTELLATION

»Unsicherheit im Geistigen ist die Grundsignatur unserer Zeit.« Mit dieser Krisendiagnose beginnt Dingler seinen am 27. Februar 1950 bei RIAS Berlin gesendeten Rundfunkvortrag mit dem Titel »Das Sicherheitsproblem in seiner Bedeutung für die Naturwissenschaften und das Irrationale«. Es ist eine »Krise von Weltausmaß, die alle Menschen umfaßt, die von der westlichen Kultur beeinflußt sind.«[1] Obgleich die ganze Bandbreite einer Kultur angesprochen wird, konzentriert sich Dinglers Aufmerksamkeit auf zwei Bereiche des Wissens: die Philosophie, die all ihren Einsichten und Theorien in einer langen Geschichte zum trotz keine »letzte Sicherheit« zu schaffen vermochte; und die exakten Wissenschaften, deren moderne und modernste Entwicklungen zu fundamentalen Zweifeln an den herkömmlichen Kategorien von Raum und Zeit, aber auch an der Kausalität und sogar an der zugrundeliegenden Logik geführt hätten[2]. Was hilft in der Not dieser Unsicherheit? Es ist Dinglers eigene Philosophie: »Für diese durchaus gefährliche Krise im Geistigen gibt es nur ein Heilmittel und dieses heißt Sicherheit und zwar absolute Sicherheit in den fundamentalen Fragen unserer Stellung in und zu der Welt. Der natürliche Ort, wo Sicherheit gesucht und soweit möglich auch gefunden wird, ist die methodische Philosophie.«[3] »Methodische« Philosophie: Das ist eine programmatische Bezeichnung für Dinglers Denkunternehmen. Dessen Resultat ist »das System« – intendiert als Singular mit Ausschließlichkeitsanspruch –, dem wir in der Entwicklung des reichen Dinglerschen Oeuvres unter verschiedenen teils spezifizierenden, teils anderslautenden Formulierungen begegnen. Die Rede ist vom »eindeutig-methodischen System«[4] (in der von Dingler gerne gebrauchten Abkürzungsform als »e.m. System« bezeichnet), vom »Fundamentalsystem« (»F-System«), in der Frühphase des Oeuvres vom »Urbau«, in der Spätphase von der »Idealwissenschaft«, der »exakten Fundamentalwissenschaft« bzw. »sicheren Wissenschaft« (im Kürzel: »s-Wissenschaft«). Auch von der »reinen Synthese« ist programmatisch die Rede. Nicht zu vergessen eine lange Reihe von metaphorischen Ausdrücken, welche Dinglers hohe Begabung für anschauliche Prägnanz belegen; genannt sei auswahlweise der »Systemkristall«[5] und das »Gerüst«[6]. Das sind, genauer besehen, freilich nur offenkundige Metaphernbildungen für eine Sache bzw. ein Projekt, dessen Begrifflichkeit des Systemischen und Konstruktiven um einen metaphorischen Kern herum gebildet ist. Es ist die Vorstellung einer Ordnung, die sich aus einem Aufbau von Teilen bzw. Elementen ergibt. Das Bauliche und die Struktur sind dabei sowohl als Tätigkeiten wie auch als deren Ergebnisse zu verstehen.

Beides – die Bewegung des Denkens wie ihr Resultat – zielt ab auf das Gegenteil der diagnostierten Krise: auf die Beseitigung von Unsicherheit durch die Herstellung von absoluter und letzter Sicherheit. Was Dingler bereits in der antiken Fassung des Wissenschaftsbegriffs als Erwartung am Werke sieht, das nimmt er für sich und sein eigenes System in Anspruch: »den Zugang zu letzter, letztester, absoluter Sicherheit«[7] gefunden zu haben. »Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme«[8] geleistet zu haben, das nimmt Dingler für sich in Anspruch; und »das zentrale Problem«, die »Kernaufgabe« ist die Sicherheit[9]. Die Erfahrung von Unsicherheit und die Suche nach letzter und unbezweifelbarer Sicherheit stehen in einem untrennbaren Zusammenhang zueinander. Sie sind sozusagen zwei Seiten ein und derselben Medaille. Bindet man dieses aus fundamentaler Verunsicherung herkommende Sicherheitsmotiv an das System und seinen Anspruch auf letzte, absolute Sicherheit, dann ist damit eine Grundstruktur von Dinglers intellektueller Biographie beschrieben. Sie bleibt durchgehend wirksam, und sie liefert einen Schlüssel zu einem Sicherheitsdenken, das uns heute in seiner Erwartung absoluter Sicherheit überzogen, wenngleich verständlich anmuten mag.

Dingler hat diese Grundstruktur am eindringlichsten offengelegt in seinem 1926 publizierten Buch »Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie«; 1931 erschien eine zweite, um ein interessantes Vorwort und einen Anhang vermehrte Auflage. Es scheint mir nicht von ungefähr, daß dieses Buch mit seinem spektakulären Titel in den Zwanzigerjahren geschrieben wurde. War es doch die Zeit der Weimarer Republik, wo in einem überaus reichen Kulturbetrieb mehrere Krisendiskurse und zeitkritische Denkansätze, die sich schon seit der Jahrhundertwende angebahnt hatten, eine Zuspitzung erfuhren. Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes«, wenige Jahre vor Dinglers »Zusammenbruch« erschienen, ist nur die bekannteste Wortmeldung aus einer ganzen Reihe von kulturkritischen Analysen und Polemiken, die – man denke auswahlweise an Theodor Lessing, Carl Schmitt, Ernst Jünger – in der sozialen, politischen und geistigen Modernisierung eine tiefgreifende Krise diagnostizieren. Eine geistige Verunsicherung greift um sich und wird immer schärfer wahrgenommen. Vermeintlich garantierte Sicherheiten brechen zusammen. Dingler ist in diesem Zusammenhang nicht soziologisch, politisch oder kulturtheoretisch interessiert, wohl aber mit Bezug auf die Wissenschaft und, mit Abstrichen, die Philosophie. Was die erstere angeht, so spricht der Augenschein zunächst gegen den Diagnostiker. Er befaßt sich weniger mit den Geistes- und Sozialwissenschaften, wo man im Historismus und in den Methodenkontroversen eine Grundlagenkrise feststellen kann. Das Hauptfeld seiner Aufmerksamkeit ist vielmehr die theoretische Naturwissenschaft einschließlich ihrer mathematischen Modelle sowie der Gedanke systematischer Wissenschaft überhaupt, wie er erstmals von den Griechen als episteme gefaßt und in der euklidischen Geometrie oder der archimedischen Mechanik beispielhaft verwirklicht wurde. Was diesen – nicht vorrangig philosophischen – Systemgedanken betrifft, so stellt Dingler seinen Zusammenbruch fest: »Dieses System nun ist in den letzten 70 Jahren in einem sich dauernd beschleunigenden Prozeß in allen seinen Teilen zusammengebrochen. Nicht nur ist es selbst zusammengebrochen, sondern zuletzt ist, wie wir sehen werden, sogar die Idee des Systems selbst zusammengebrochen. Wenn aber dies geschieht, dann tritt an die Stelle des Systems das, zu dessen Überwindung er errichtet wurde, das Chaos.«[10] Zu denken ist hier an die Reihe von sogenannten Grundlagenkrisen, die sich aus der zweiten Hälfte des 19. bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hineinzieht (und die man, in unterschiedlich aufbrechenden Formen und Debatten, zum Teil bis heute verfolgen kann). Solche Grundlagenkrisen sind es ja auch, die schon den jungen Dingler in seiner Beschäftigung mit Geometrie und Mengentheorie zur erkenntnistheoretischen Frage nach deren Grundlagen führt. Weniger verständlich scheint die Zusammenbruchs-Diagnose freilich mit Bezug auf die damals, 1926, aktuellen Naturwissenschaften, insbesondere mit Bezug auf die Physik. Stand diese doch mit Einsteins sich immer mehr durchsetzender Relativitätstheorie und mit den Theorien Plancks etc. doch geradezu glänzend da. Für Dingler trügt dieser schöne Schein einer zweifelsohne kreativen Hypothesenbildung. Denn es mangle an Begründung, an der Anbindung der Hypothesen an absolut sichere Prinzipien und Methoden. Die zentrale These Dinglers, welche das Unbehagen des jungen Studenten und Mathematikers, daß er auf seine Begründungsfragen keine überzeugende Antwort finde, als eine allgemeine kritische Einsicht formuliert, lautet: »daß die Wissenschaft sich dauernd und notwendig gewisser Prinzipien bedienen muß, deren letzte Rechtfertigung ihr mit ihren Mitteln prinzipiell versagt ist«[11]. In diesem begründungs- bzw. geltungstheoretischen Sinne ist die Rede vom »Zusammenbruch« auch mit Bezug auf die so erfolgreiche moderne Physik zu verstehen. An diesem Desiderat im Fundamentalen setzt nun wiederum Dinglers Systemprojekt an. Es soll absolute Sicherheit schaffen, indem es die Fundamente wissenschaftlichen Denkens überhaupt legt und damit den verlorengegangenen Systemgedanken restituiert. Für diese Begründungsebene wählt Dingler den traditionellen Begriff der Philosophie. Wenn er gegenüber dem Zusammenbruch dann vom »Primat der Philosophie« spricht, so ist damit also nicht gemeint eine philosophiegeschichtliche Thematisierung von Systemen, an denen die Philosophie bekanntlich nicht arm ist. Gemeint ist vielmehr das System: das einzig und absolut sichere; eben: Dinglers System. »Es ist klar, daß die hier aufgewiesene Krisis der Wissenschaft eigentlich nur die akute Gesundungskrisis darstellt, welche einen langen schleichenden Krankheitsprozeß (den schon die antike Skepsis eingeleitet und aufgedeckt hatte, und der seit ca. 100 Jahren erst in ein wirklich akutes Stadium getreten ist) beendet. Das, was ich die reine Synthese nenne[12], ist dann die Form, in der die Wissenschaft sich wieder aufrichten kann, um von da ab in ihren Fundamenten unerschütterlich dazustehen.«[13] Die Krise gewinnt damit neben der negativ-kritischen eine positiv-konstruktive Bedeutung: Auf die Herausforderung der Unsicherheit im Fundamentalen formuliert Dingler als Antwort sein System.

Das certistische Grundmotiv ist im 20. Jahrhundert freilich nichts prinzipiell Neues mehr. Es charakterisiert schon den ersten, den fundamentalen Schub des modernen Denkens, wie er paradigmatisch von Descartes im 17. Jahrhundert reflektiert und programmatisch formuliert wird. Seither steht die Begründungs- oder auch Geltungsfrage, deren Lösung die angestrebte letzte Sicherheit garantieren soll – und die von Dingler als die »Zentralfrage« schlechthin ausgemacht wird[14] – auf der Agenda des modernen Denkens. Genau genommen beherrscht das certistische Motiv, positiv oder in immer mehr negativer Ausprägung, auch die weiteren Schübe in der Dynamisierung des modernen Bewußtseins wie etwa Kants kritisch-transzendentalphilosophische Thematisierung und Weiterführung der modernen Erkenntnis- und Moraltheorie, bis hin zu Nietzsches radikaler Aufkündigung bisheriger Geltungsansprüche. In all dem ist es gerade das Ungenügen bisherigen Denkens, aus dessen Unsicherheit und Bodenlosigkeit eine neue Sicherheit erzeugt werden soll, »endlich den wirklich letzten sicheren Grund gewinnen zu können«[15]: Diese Erwartung ist nicht erst mit Dingler in die intellektuelle Welt gekommen. Sie ist eine moderne Erwartung par excellence. Und genauer besehen mag sie retrospektiv weit über die Moderne zurück verlängert werden bis ins antike Denken hinein, dessen sichere Ordnungsmodelle auch schon durch skeptische Ansätze fundamental in Frage gestellt wurden[16]. Neu ist nicht einmal der Einzigkeitsanspruch, mit welchem Dingler gerade sein System – und kein anderes – als die neue und endgültige Lösung der Suche nach Gewißheit hochschätzt. Die »Anarchie der philosophischen Systeme«, die Franz Kröner in seinem 1929 publizierten gleichnamigen Buch[17] – mit kritischen Kommentaren auch zu Dinglers »Zusammenbruch«-Buch von 1926 – diagnostiziert, besteht ja aus einer möglichen Perspektive darin, daß viele sich je absolut setzende Systeme sich gegenseitig immer weiter zu überbieten suchen – ein Spiel, das Dingler keineswegs erfunden hat, in das er sich vielmehr selbst hineinbegibt: natürlich um es durch die Herstellung letzter und absoluter Sicherheit als Spiel zu beenden. All dies ist nicht neu. Die Lineatur reicht zurück in die Moderne und ihre Genealogie. Neu aber sind die Mittel, mit denen Dingler seinen Anspruch einlösen möchte; seine Strategie der Begründung; die Struktur seines Systembaues. Wenden wir uns diesen Punkten zu und betrachten wir die Sicherheitsforderung und ihre behauptete Einlösung als roten Faden, an dem sich Dinglers Werk in seinem Zusammenhang, aber auch in seiner Problematik erschließt.

DAS SYSTEM: EIN ERSTER ÜBERBLICK

Zur besseren Orientierung sei ein Überblickstableau eingefügt. Es markiert inhaltlich wie methodisch unterschiedliche Phasen in der Entwicklung von Dinglers Denken und ordnet diesen Phasen Publikationen zu (vor allem Bücher, dann aber auch einige wichtige Aufsätze), die selektiv aus der Fülle von Dinglers Veröffentlichungen entnommen sind. Die Phasen sind in chronologischer Aufeinanderfolge geordnet und zeigen eine Denkentwicklung auf.

Dinglers Gesamtwerk: Selektive Verlaufsskizze

Mathematische Arbeiten

· Beiträge zur Kenntnis der infinitesimalen Deformationen einer Fläche (Dissertation) (1907).

· Über wohlgeordnete Mengen und zerstreute Mengen im allgemeinen (Habilitationsschrift) (1912).

· Über wohlgeordnete Mengen (Aufsatz, 1919).

· Erkenntnistheoretische Fundierung der Wissenschaft

· Wissenschaftstheorie von Geometrie, Arithmetik, Logik, Physik, Biologie

· Grundlinien einer Kritik und exakten Theorie der Wissenschaften, insbesondere der mathematischen (1907).

· Grenzen und Ziele der Wissenschaft (1910).

· Die Grundlagen der angewandten Geometrie. Eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Theorie und Erfahrung in den exakten Wissenschaften (1911).

· Die Grundlagen der Naturphilosophie (1913).

· Die Grundlagen der Physik. Synthetische Prinzipien der mathematischen Naturphilosophie (1919).

· Physik und Hypothese. Versuch einer induktiven Wissenschaftslehre nebst einer kritischen Analyse der Fundamente der Relativitätstheorie (1921).

· Die Grundlagen der Physik. Synthetische Prinzipien der mathematischen Naturphilosophie (zweite, völlig neubearbeitete Auflage 1923).

· Das Experiment. Sein Wesen und seine Geschichte (1928).

· Philosophie der Logik und Arithmetik (1931).

· Der Glaube an die Weltmaschine und seine Überwindung (1932).

· Die Methode der Physik (1938).

· Ist die Entwicklung der Lebewesen eine Idee oder eine Tatsache? (Aufsatz, 1940).

· Über die letzte Wurzel der exakten Naturwissenschaften (Aufsatz, 1942).

· Die philosophische Begründung der Deszendenztheorie (Aufsatz, 1954).

· Geometrie und Wirklichkeit (Aufsatz, 1955/56).

Metaphysischer Ausgriff

· Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten (1929).

· Das Unberührte. Die Definition des unmittelbar Gegebenen (Aufsatz, 1942).

Siehe aber auch schon:

· Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie(1926, 2. Auflage 1931).

Das Ganze von Dinglers Philosophie:

System (eindeutig-methodisches) = rationales

»Gerüst« plus Irrationales (Insystematisabilia: Leben, Erleben, Unberührtes)

Erstmalige Formulierung der Grundidee einer Verbindung von rationaler und irrationaler Sphäre:

· Die Kultur der Juden. Eine Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft (1919).

· Das System. Das philosophisch-rationale Grundproblem und die exakte Methode der Philosophie (1930).

· Das Handeln im Sinne des höchsten Zieles (Absolute Ethik) (1935).

· Methodik statt Erkenntnistheorie und Wissenschaftslehre (Aufsatz, 1936).

»Politische« Schriften:

· Zur Philosophie des Dritten Reiches (Aufsatz, 1934).

· Nationalsozialismus und Wissenschaft (Aufsatz, 1935).

· Die seelische Eigenart der jüdischen Rasse. Eine biologisch-psychologische Untersuchung (nicht veröffentlichtes Typoskript, 120 S.). [Wohl auf 1936 zu datieren.]

In Teilen interessant sind als zusätzliche Texte:

· Das Handeln im Sinne des höchsten Zieles (Absolute Ethik) (1935).

· Von der Tierseele zur Menschenseele. Die Geschichte der geistigen Menschwerdung (erste Auflage 1941, dritte Auflage 1943).

· Das Geltungsproblem als Fundament aller strengen Naturwissenschaften und das Irrationale (Aufsatz, 1949).

· Grundriß der methodischen Philosophie. Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme (1949).

· Die Ergreifung des Wirklichen (1955).

· Aufbau der exakten Fundamentalwissenschaft, hg. von Paul Lorenzen (1964).

An der Skizze sind die hauptsächlichen Etappen einer Denkentwicklung abzulesen. Der Denkweg geht von frühen mathematisch-fachwissenschaftlichen Arbeiten rasch – genauer: zeitlich parallel – über zu einer Reflexion auf die Grundlagen, Ziele und Grenzen von Wissenschaft (wobei letztere vor allem als Mathematik und Naturwissenschaft, hier vor allem Physik, zu verstehen ist). Insbesondere der Frage nach den Grundlagen und der Fundierung wissenschaftlichen Wissens im certistischen Sinne kommt eine zentrale Bedeutung zu. Ihre Zentralität macht die Erkenntnistheorie zum Kerngebiet des Systems. Es treten hinzu erkenntnistheoretisch fundierte Rekonstruktionen einzelner wissenschaftlicher Disziplinen; obwohl das Feld weit gefaßt ist, beanspruchen die Arbeiten zur Geometriebegründung und zur Physik nach Breite und Intensität der Durchdringung einen besonderen Stellenwert. Dann kommt hinzu die »metaphysische« Dimension in Gestalt von Dinglers Voluntarismus, seiner Religionsphilosophie, auch der Ethik. Ab dem »System«-Buch von 1930 – mit einer bemerkenswerterweise wesentlich früheren Formulierung der Grundidee, nämlich im Buch über »Die Kultur der Juden« von 1919 – strebt Dingler ein umfassendes Denkgebäude an. Das rationale »Gerüst« (mit einem erkenntnistheoretischen Kern und methodisch-systematischen Rekonstruktionen von wissenschaftlichen Einzeldisziplinen) soll mit der Metaphysik, d.h. der Theorie des Irrationalen in seinen vielfältigen Regionen zu einem umfassenden und homogenen Denkgebilde zusammengefügt werden. Als speziellen Bereich gilt es sodann noch einige Veröffentlichungen mit dezidiert politischem Gehalt zu berücksichtigen, die in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft fallen.

Im Gesamtbild ergibt sich zwar eine Abfolge von Phasen. Dabei geht es meistenteils jedoch nicht darum, daß eine Etappe durch eine andere abgelöst und in der Gesamtentwicklung zurückgelassen würde. Vielmehr zeigen sich parallele Entwicklungen, wo sich das System insofern ausweitet, als immer mehr parallele Geleise hinzutreten. Um zwei konkrete Beispiele zu nennen: Die Frage nach den Grenzen und Zielen von Wissenschaft beschäftigt Dingler bereits 1910 in dem gleichnamigen Buch; sie ist aber – nunmehr in einem ausgeweiteten systemischen Rahmen – immer noch und mindestens genauso wichtig geblieben im Buch über den »Glauben an die Weltmaschine und seine Überwindung« aus dem Jahre 1932. Als zweites Beispiel sei die Erkenntnistheorie der Geometrie genannt, die sich über einen sehr langen Zeitraum – und mit begründungstheoretisch unterschiedlich tiefen »Bohrungen« – hinzieht: Mit ihr befaßt sich Dingler früh, nämlich bereits 1911 in seinem Buch über »Die Grundlagen der angewandten Geometrie«; sie zieht sich durch bis zu dem erst posthum 1956 und 1957 publizierten Aufsatz über »Geometrie und Wirklichkeit«; dazwischen wird 1933 das wichtige Buch »Die Grundlagen der Geometrie« veröffentlicht. Beide Beispiele belegen eine langandauernde Beschäftigung, die sich auf einem Feld bzw. einem »Geleis« hält. Währenddessen treten andere, neue Etappen des Denkweges – wie vor allem der metaphysische Komplex – hinzu.

Aus systematischer Perspektive ergeben sich Ausweitungsschritte, die als jeweiliger »Anschluß« (Dinglers oftmals verwendeter Begriff) zustandekommen. Gebiete, die in der chronologischen Folge bislang nicht oder eben nur als nicht angeschlossene Berücksichtigung fanden, werden nunmehr mit dem bereits aufgebauten Teil des Systems verbunden. Um es mit Dinglers vielgebrauchter Metapher des »Gerüsts« zu sagen: Dem Gerüst des rationalen wissenschaftlichen Wissens werden immer neue Bereiche hinzugefügt, d.h. sie werden in die Systemrationalität integriert. Aus diesen systematologischen Feststellungen ergeben sich die ausgezeichneten Punkte eines kritischen Interesses: Dieses wird sich vor allem richten auf die Verbindungsstrukturen, welche die Anschlüsse abzusichern haben.

»METHODISCHES« DENKEN UND »VOLLBEGRÜNDUNG«

Nicht nur in seiner Verbindung von Certismus und Systemdenken, auch in dem theoretisch-strategischen Mittel zur Verwirklichung dieser Wunschvorstellung – wodurch aus der Wunschvorstellung ein Programm wird – steht Dingler im Horizont des modernen Selbstverständnisses von Philosophie. Gemeint ist die Verknüpfung von methodischem Denken und Begründungsdenken. Beide sind ein bevorzugter Gegenstand der Selbstreflexion. Dingler charakterisiert seinen Denkansatz als »Methodische Philosophie« (so die programmatische Bezeichnung im Titel des 1949 erschienenen Buches: »Grundriß der methodischen Philosophie«), und die damit verbundene Suche nach sicheren Fundamenten durchzieht als Grundton das Ganze dieser methodischen Philosophie, ja aller Philosophie überhaupt: »Die uralte Hauptaufgabe aller Philosophie seit ihrer ersten Entstehung ist: einen sicheren Boden zu finden für die Ordnung unseres Lebens, einen festen Grund, um unser Denken und Handeln darauf zu bauen. Das ist auf jeden Fall der letzte Kern ihres Bestrebens.«[18] Nun wurde sicherlich über Methodenfragen nachgedacht, solange es die Philosophie gibt; und Dingler selbst stellt, wie soeben zitiert, sein Begründungsdenken in den Gesamtzusammenhang aller Philosophie seit ihrem Anfang. Wenn ich gleichwohl differenzierend dafür plädiere, Dingler im Verständnishorizont der neuzeitlichen Philosophie zu sehen – ihn also in einer methodenreflexiven Kontinuität mit Descartes’ »Discours de la méthode« (1637) und in einer begründungstheoretischen Kontinuität mit Leibniz’ Satz vom Grund als dem apriorischen, aller Erfahrung vorausgehenden Prinzip des Denkens zu verorten –, dann wegen der spezifischen Bedeutungsaufladung, welche Methode und Begründung im modernen Bewußtsein erfahren: Beide werden nicht mehr aus einer Sache selbst abgenommen, sondern als eine spezifisch humane Leistung begriffen. Erkenntnis, wissenschaftliche im besonderen, wird via Methode zu einer konstruktiven Leistung, die sich einem Subjekt verdankt, und dieses Subjekt ist – so die vom 17. bis ins 20. Jahrhundert vorherrschende Auffassung – der Mensch. Diese – mit Kants berühmter Metapher in der Vorrede zur zweiten Auflage der »Kritik der reinen Vernunft« – »kopernikanische« Wende der modernen Philosophie ist der Rahmen, in dem auch Dinglers Denkansatz seinen Platz findet. Was man für Kant sagen kann, das gilt auch für Dingler: Die Erkenntnistheorie mit ihrer Grundbeziehung von Subjekt und Objekt bildet die Kerndisziplin. Versteht man die Rede von der »ersten Philosophie«, der traditionellen prote philosophia bzw. prima philosophia, im klassischen Systemsinn der »Lehre von den ersten Fundamenten«[19], dann wird man behaupten können, daß die Erkenntnistheorie bei Dingler die Rolle der ersten Philosophie übernimmt.

»Das Aufstellen einer Philosophie ist ein Tun. Noch mehr das Aufstellen dessen, was wir hier anstreben: eines gesicherten aussagbaren geordneten Verfahrens, um »die Welt« geistig und manuell zu behandeln, ein zielstrebiges, geordnetes Tun. Bei dieser Aufgabe, die ja eigentlich schon immer versucht wurde, ist das Entscheidende, 1. daß der Weg dieser Aufstellung keine unausfüllbaren Lücken aufweist, 2. daß nirgends »Vorgriffe« auf Späteres stattfinden, 3. daß jeder Schritt genau und vollständig begründet ist. Diese »Aufstellung« nennen wir den Aufbau.«[20] In dieser »Aufstellung« finden wir die geläufigen Charakteristika eines »methodischen« Denkens. Genau genommen handelt es sich um nur zwei Strukturmerkmale. Zum ersten: Methodisches Denken geht schrittweise vor. Es wird in ausweisbaren Schritten verfahren, die zusammengenommen eine Schrittfolge bilden. Man kann hier auch von einer methodischen Ordnung sprechen. Die dabei erzielte Kontrollierbarkeit hängt direkt mit dem basalen Streben nach Sicherheit zusammen. Dingler nennt zusätzlich zum schrittweisen Verfahren die Lückenlosigkeit der Schritte und bezieht sich dabei auf die Unausfüllbarkeit eventuell vorhandener Lücken, genauer: daß es keine unausfüllbaren Lücken geben dürfe. Man kann diese Bestimmung als eine negative Präzisierung der Schrittfolge betrachten, die aber eigentlich schon mit der Bedingung eines Vorgehens Schritt für Schritt mit ausgesagt ist. Nicht im prinzipiellen, wohl aber im praktischen Sinne ist der Hinweis auf die Lückenlosigkeit gleichwohl bedeutsam. In der Praxis werden methodische Schrittfolgen, insbesondere bei Wiederholungen, oftmals abgekürzt. In diesen Fällen muß gewährleistet sein, daß die Auslassungen nicht unausfüllbar sind, sondern durch klar angebbare Schritte überbrückt und damit aus der Welt geschafft werden können. Als Beispiel könnte man eine logische Argumentation heranziehen: Um eine Konklusion deduktiv zu begründen, wird man nicht in jedem Falle die Gesamtzahl der zu dieser Konklusion führenden Prämissen explizit ausschreiben bzw. mündlich aussprechen. Wenn es so ist, dann muß man aber bei Nachfrage in der Lage sein, die in Kauf genommenen Lücken komplett argumentativ aufzufüllen. Das zweite definitorische Merkmal einer methodischen Ordnung ist deren Zirkelfreiheit, oder positiv ausgedrückt: ihre Linearität. Vorgriffe auf in der Ordnung erst Späteres werden definitorisch ausgeschlossen. Die Ordnung muß als lineare Schrittabfolge aufgebaut werden.

Was hier in den begrifflichen Grundbestimmungen des schrittweisen – und lückenlosen – sowie zirkelfreien Aufbaus einer Verfahrensordnung dargestellt wurde, das wird von Dingler auf unterschiedlichen logischen Ebenen veranschaulicht und präzisiert. Auf einer bildlich-anschaulichen Ebene ist wichtig die Schlüsselmetapher der Leiter, an deren Sprossen und Gesamtordnung die lineare Schrittfolge besonders eingängig erläutert werden kann. Dingler greift hier eine Metaphorik auf, der nachzugehen in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte lohnen könnte. Daß gerade diese Wahl getroffen wird, stellt Dingler in einen Zusammenhang mit den großen Methodenkonzepten der frühen Neuzeit wie etwa bei Francis Bacon oder bei René Descartes, wo das erkenntnistheoretisch zentrale Methodenverständnis ebenfalls an der Leiter veranschaulicht wird. Natürlich stimmen auch die Maßgaben des schrittweisen, lückenlosen und zirkelfreien Vorgehens mit diesen Vorbildern überein. Darüber hinaus schärft Dingler das Verständnis, indem er ein theoretisches Modell für ein methodisches Denken formuliert. Es ist der Mathematik entnommen und knüpft den erkenntnistheoretischen Methodenbegriff an Dinglers frühe fachmathematische Arbeiten zur Mengentheorie an. Die »wohlgeordnete Menge« mit ihrer grundlegenden Maßgabe, wonach die Elemente in einer Reihenfolge zueinander stehen derart, daß ein Element einen angebbaren Nachfolger und Vorgänger hat (die Entsprechung zum klassischen logischen hysteron und proteron), bildet das mathematische Modell einer methodischen Ordnung. Als Konkretisierung könnte man etwa an die Reihe der natürlichen Zahlen denken.

Dingler spezifiziert die modellhafte Reihe als sogenannte »u-Reihe«, die neben einer Erzeugungsregel, welche zu jedem Vorgänger den Nachfolger eindeutig festlegt, als zweites Bestimmungsmerkmal die Entwicklung aus einem ersten Element festlegt. Hinzu kommt dann noch, daß die Reihe zwar mit einem ersten Element anfängt, hinsichtlich der Zahl der Glieder der Reihe (nach »rechts« angeschrieben) aber unbegrenzt ist (daher die Bezeichnung »u-Reihe« für unbegrenzte Reihe)[21]. Nimmt man diese drei Merkmale zusammen, so hat man ein mathematisches Modell von Dinglers System: Es fängt an mit einem Elementaren und Fundamentalen und wird in einer offenen Anzahl von methodischen Schritten aufgebaut. Das auf einem Fundament erbaute »Gerüst« wird auf diese Weise ständig weiter vergrößert. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem ersten Glied der methodischen Reihe – in der Leitermetapher: der ersten Sprosse, mit welcher der methodische Aufstieg beginnt. Das ist das sogenannte Problem des Anfangs. Wir stoßen hier auf die Frage der Begründung. Methodisches Denken ist ein Denken, das sich auf Gründe, genauer: einen Grund rückbezieht, mit welchem als erstem Grund die Reihe der methodischen Schritte anhebt. Dieser erste Grund ergibt sich freilich nicht zuallererst als solcher; er muß im methodischen Denken selbst ermittelt werden, in der Rückfrage von einer Sache bzw. einem Sachverhalt auf dessen Grund, wieder dessen Grund, und so fort bis zurück zum ersten Grund, der in der Richtung des Rückfragens nun freilich besser als ein letzter Grund zu bezeichnen wäre. Dingler spricht von einer Letztbegründung als der Rückführung des methodischen Denkens auf einen nicht weiter hintergehbaren – d.h. voraussetzungslosen – Grund hin. Dieser Grund ist als solcher absolut: losgelöst und unabhängig von einem für ihn selbst geltenden Grund, echter Anfang, vor dem es nichts weiter gibt. Dem strikten Methodenverständnis entspricht nun auch ein maximalistisches Verständnis von Begründung. Dingler gibt sich nicht damit zufrieden, von der Philosophie eine Letzt- und Absolutbegründung zu verlangen und zu erwarten. Es muß auch eine Einzigbegründung sein, will sagen: Es gibt für das System nur einen einzigen Grund, ein Fundament, von dem aus das ganze System aufgebaut werden kann. Letzt-, Absolut-, Einzigbegründung: Diese Trias ist gemeint, wenn Dingler von einer »Vollbegründung« spricht. Gegenüber der Möglichkeit, mehrere jeweils absolut begründbare Systematiken aufzubauen, favorisiert Dingler also ein monolithisches Systemganzes, welches mit seinem einen Grund steht und fällt. Dem höchsten Sicherheitsstreben entspricht somit das methodisch aufgebaute, vollbegründete System.

PRAGMATISCH-OPERATIVE BEGRÜNDUNG: DER PRIMAT DES HANDELNS

Die Leitermetapher zeigt auf, was das mathematische Modell als solches nicht preisgibt (es sei denn, man würde auf eine metamathematische Ebene wechseln). Es ist die Unterscheidung zwischen der ersten Sprosse der Leiter, will sagen: dem ersten Schritt der Methode, und dem Boden, auf welchem die Leiter als ganze steht, will sagen: dem Apriori der Methode selbst. Hier tut sich eine Doppeldeutigkeit des Anfangsproblems auf, die von Dingler sorgfältig in die zwei Möglichkeiten unterschieden wird. Es gibt immer noch ein Fundament, auf welchem auch die Methodik mit ihrer internen Ordnung wurzelt. Die Wurzel bzw. der Boden: Das sind die Begriffsmetaphern für den »eigentlichen« Anfang. Dingler unterscheidet nicht nur, er will mit seiner Erkenntnistheorie auch ganz klar den Boden bzw. die Wurzel allen methodischen Denkens thematisieren und vor allem: sichern. Diese Sicherung der Fundamente versucht er zu erreichen, indem er die Methode in den Rahmen einer fundamentalen Pragmatik stellt, methodisches Denken gründend auf ein bestimmtes Handeln rückbezieht und die methodische Ordnung als eine pragmatische Ordnung ausweist. Die methodische wie letztbegründende Bedeutung des Handelns: Dies ist der Kern von Dinglers Erkenntnistheorie, die man insofern als eine pragmatische bezeichnen kann. Auch die philosophische Theorie steht somit unter dem Primat der Praxis. Von zentraler Bedeutung für Dinglers systematisches letztbegründendes Ordnungsdenken ist dabei das »Prinzip der pragmatischen Ordnung«, in dem Dingler »die exakte Methode der Philosophie«[22] erblickt.

Dieses Prinzip – man könnte wegen seiner zentralen Bedeutung und in Erinnerung an Leibnizens Grundsatz von Dinglers ganz eigenem Satz vom Grund sprechen – reicht implizit bis in die Anfänge von Dinglers Philosophieren zurück. Explizit wird es zum erstenmal ausformuliert in der »Philosophie der Logik und Arithmetik« von 1931. Dingler spricht von Handlungen, die er als »geistige« und »manuelle« unterscheidet. Diese Handlungen bilden in ihrer Aufeinanderfolge »Serien« bzw. »Ketten« aus[23]. Für sie gilt: »Diese Handlungen sind nun vielfach so beschaffen, daß sie nicht in beliebiger Reihenfolge ausgeübt werden können. Zwei Handlungen A und B können in ihrer Reihenfolge dann nicht vertauscht werden, wenn die eine zu ihrer Ausführbarkeit die Ausführung der anderen ›voraussetzt‹. Dieses ›Voraussetzen‹ ist hier kein logisches, sondern ein ›pragmatisches‹. Jede Handlung ist eine (geistige oder manuelle) ›Realisierung‹. Und eine Handlung A ist mit der Handlung B nicht vertauschbar in der Reihenfolge, wenn B zu seiner Realisierung die Realisierung von A schon benützen muß. ... ... Die Forderung bei einer Kette von Handlungen auf ihre Nichtvertauschbarkeit oder Vertauschbarkeit zu achten und sie bei Nichtvertauschbarkeit nach der Reihe ihrer notwendigen Aufeinanderfolge zu ordnen, nennen wir das ›Prinzip der pragmatischen Ordnung‹ (Pr.d.p.O.). Das Prinzip der pragmatischen Ordnung regiert insbesondere alle vorlogischen und voraxiomatischen Teile der Erkenntnis, natürlich a fortiori dann auch die logischen und axiomatischen Wissenschaften selbst, deren Beschaffenheit selbst nur ein Ausdruck des gleichen Prinzips in speziellerer Anwendung ist. Insbesondere also auch die ganze Philosophie.«[24]

Es geht um Handeln – genauer: bewußtes Handeln – als »geistiges« wie »manuelles« Tun im Sinne einer Realisierung: als faktische Durchführung von Handlungsschritten. Bloße Wunschträume und utopische Konstrukte werden damit ausgeschlossen. »Jede solche bewußte Handlung zerfällt dabei in zwei Etappen: in die ›Planung‹, einen geistigen Prozeß, und in die ›Ausführung‹, welche geistig oder manuell sein kann.«[25] Ganz offenkundig geht es um ein ergebnisorientiertes Handeln. Es ist hingeordnet auf ein Ziel, das es zu verwirklichen gilt. Ausgeschlossen sind also rein spielerische Aktionen, zweckloses Tun, aber auch jene aristotelische »Praxis«, welche ihr Ziel allein im Vollzug ihrer selbst findet.

Zur Realisierung des Ziels bedarf es geeigneter Mittel, die beschafft und auf geeignete, möglichst effiziente Weise eingesetzt werden sollten. Die Bezüglichkeit von Mitteln auf Zwecke verweist auf einen bestimmten Rationalitätstypus, der für Dinglers Analysen und Überlegungen maßgeblich ist: die Zweckrationalität (mit Max Weber ausgedrückt) bzw. (mit der Kritischen Theorie von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno formuliert) die instrumentelle Rationalität. Entscheidend ist dabei die Hinordnung von Mitteln auf einen zu verwirklichenden Zweck. Nach dem Prinzip der pragmatischen Ordnung müssen die Mittel vor der Realisierung des Zwecks verfügbar sein. »Bedarf eine manuelle Handlung H eines Mittels M (einer Gegebenheit, einer Bedingung), um sie ausführen zu können, so muß dieses Mittel vor Ausführung der Handlung vorhanden sein. Es kann z.B. nicht erst durch die Handlung gewonnen werden, es kann nicht selbst das Resultat der Handlung als Mittel voraussetzen.«[26] Der Hinweis auf die Mittel-Zweck-Relation lenkt die Aufmerksamkeit auf eine substantielle Eigenart des für Dingler in Frage stehenden und seinen »pragmatischen« Methodenzugriff grundierenden Handelns. Dieses ist nicht nur als linear geordneter Ablauf zu verstehen, es ist auch erfolgsgebunden. Der Erfolg ist dabei nichts anderes als die Realisierung eines Zieles, das vor Ausübung des Handelns noch nicht realisiert war.

Dazu kommt noch ein weiteres unverzichtbares Bedeutungsmoment: Handeln wird hier wesentlich begriffen als Herstellungshandeln. Im klassisch-philosophischen aristotelischen Vokabular ausgedrückt, geht es um Poiesis, nicht um Praxis. Handeln ist Intervenieren in die Wirklichkeit (die Natur, die Kultur) zu dem Ziel, künstliche Gebilde herzustellen, wobei diese sowohl geistiger als auch realer Natur sein können. Die erkenntnistheoretische Pointe: Mit und an diesen Artefakten kann die Wirklichkeit erforscht und in Theorien dargestellt werden. Die methodische Ordnung kann sich damit ihrer Realgeltung versichern – und dies nach Dinglers Erwartung sogar auf eine »vollbegründete«, will sagen absolut sichere Weise.

Wie dabei methodisch geordnet in einer Verschränkung von geistigen wie manuellen Handlungen vorgegangen wird, das hat Dingler in seiner Theorie des Experiments untersucht, wie sie insbesondere in dem 1928 erschienenen Buch »Das Experiment. Sein Wesen und seine Geschichte« formuliert wird. 1952 folgte noch eine kleine Broschüre »Über die Geschichte und das Wesen des Experimentes«. Es verdient herausgestellt zu werden, daß Dingler einer von bemerkenswert wenigen Wissenschaftstheoretikern ist, die sich überhaupt in eigens diesem Thema gewidmeten Studien mit dem Experiment befassen. Gewiß wird in jeder Wissenschaftstheorie das Experiment erwähnt, doch zumeist wird es als seinerseits kaum weiter durchleuchteter – und das hieße: auf seine Implikationen und Prinzipien hin befragter – Komplex zur Lieferung materialer Ergebnisse und Meßwerte in die Logik der Forschung einbezogen. Hier gewinnt die programmatische Bezeichnung »Operationismus« einen klaren Sinn, mit dem Dinglers ganz eigentümliche Lesart des Experiments gegenüber dem ungleich bekannteren – von der Physik in alle möglichen Disziplinen hinein verallgemeinerten – »Operationalismus« (»operational point of view«) von Percy W. Bridgman profiliert werden kann. Aufschlußreich zum Vergleich der beiden Methodenkonzepte ist das Vorwort Dinglers zur deutschen Ausgabe von Bridgmans »The Logic of Modern Physics«, die in der Übersetzung von Dinglers Assistent Wilhelm Krampf 1932 unter dem deutschen Titel »Die Logik der heutigen Physik« veröffentlicht wurde. Der gemeinsame Grundgedanke ist der, daß hinter den mathematisierten Theorien der Physik zweckgerichtete Handlungen – Operationen – stecken, welche für die experimentellen Messungen von entscheidender Bedeutung sind. Während Bridgman sich jedoch auf die zentrale These konzentriert, wonach physikalische Begriffe synonym seien zu den Handlungen, die zu ihrer Messung durchgeführt werden, und die letztere ganz im empiristischen Sinne begreift, d.h. als Lieferant für begrenzt sichere Daten, geht Dingler den »methodischen« Denkweg im Sinne des Prinzips der pragmatischen Ordnung. Er geht begründend von den empirischen Datenmengen zurück zu einem (wie man sagen könnte) Meßapriori, womit gemeint ist, daß die empirischen Daten notwendigerweise immer von Meßapparaten erzeugt werden. Die pragmatische Ordnung kann die Meßapparate ihrerseits nicht als selbstverständlich gegeben annehmen. Vielmehr sind dse Produkt gezielter Herstellungshandlungen, wie sie in den Fabriken für Meßapparate und Präzisionsmaschinenbau von deren Werkmeistern und Ingenieuren ständig vorgenommen werden. Hinter bzw. unter dem Meßapriori findet das methodische Denken ein pragmatisches »Herstellungsapriori«[27]. Die empirischen Daten, die aus experimentellen Arrangements heraus erzeugt werden, hängen für Dinglers methodisch-pragmatischen Zugriff – im Unterschied zu Bridgman – mit der Herstellung geeigneter Artefakte zusammen, die in pragmatischer Begründung mit in die empirischen Meßwerte eingehen.

Das Herstellungsapriori im Sinne der Generierung von Apparaten verweist auf ein ausgezeichnetes und für Dingler geradezu paradigmatisches Handlungsfeld: die Ingenieurstechnik. Auf sie trifft die Rede von »Operationen« im striktesten Sinne zu: als geordnetes Handeln, das auf die Realisierung eines noch nicht existierenden Ziels hin gerichtet ist. Zu dieser Art von Handeln gehört ein Plan, welcher das zu Realisierende genau festlegt, den Weg der Realisierung Schritt für Schritt antizipiert und dazu die Bereitstellung der nötigen Mittel sichert. Es fällt heute leicht, ein solches operatives Feld etwa in der Computertechnik zu finden: Und dies nicht nur in der Herstellung von Hardware, sondern auch in der Struktur einer jeglichen Software, deren schrittweise, lückenlose und zumindest im fundierenden Sinne zirkelfreie Funktionsweise bzw. Ablaufstruktur ein eindrucksvolles ingenieurtechnisches Beispiel für das Prinzip der pragmatischen Ordnung bereitstellt. Dingler selbst begab sich in die Fabriken der Aschaffenburger feinmechanischen Industrie, um dort an der Herstellung von Meßgeräten letztlich sein Prinzip der pragmatischen Ordnung zu gewinnen.

Sieht man genau zu, so ist es nicht nur die Ingenieurstechnik, aus der Dingler das Modell für eine pragmatische Ordnung gewinnt. Es ist, der elaborierten und wissenschaftlich angereicherten Technik noch vorweg, bereits die Alltagstechnik. Sie stellt ein Feld lebens- wie erfahrungsmäßig vertrauter – zunächst freilich auch zu erlernender – Prozeduren dar, in denen das Prinzip der pragmatischen Ordnung so bestimmt und selbstverständlich herrscht, daß man es vor lauter Selbstverständlichkeit kaum mehr erkennt. Bemerkbar macht es sich eher bei seiner Verletzung: Dann gelingen entsprechende Handlungen nicht, und der Mißerfolg »bestraft« die »Täter« für ihr pragmatisch falsches Tun. Dinglers Beispiele vom Hasen, den man zuerst ausnehmen und enthäuten muß, um ihn dann erst zu braten, oder von der verschlossenen Tür, die man zuerst aufsperren muß, um sie dann zu öffnen und durch sie hindurchzugehen, wären auf beliebige Alltagsvollzüge zu erweitern. Sie alle orientieren sich an der Vorstellung eines Zieles, das es zu verwirklichen gilt. Das Ziel kann realisiert werden, wenn eine bestimmte Ordnung von Handlungsschritten nach Vorher (klassisch: proteron) und Nachher (klassisch: hysteron) eingehalten wird. Wird das Vorher und Nachher, also die Reihenfolge der Handlungsschritte, nicht befolgt, dann kommt es zum Mißerfolg. Diese alltagstechnische Dimension läßt sich kaum überschätzen: Ist sie doch der Erfahrungsraum, in welchem sich das System ins vorwissenschaftliche Leben einsenkt. Umgekehrt kann man dann sagen, daß das System sich aus dem Alltagsleben heraus entwickelt. In der stärkste Deutung dieses Verhältnisses könnte man die These aufstellen, daß das System als Fundamentalwissenschaft nur das explizit macht, was implizit im Alltagsleben und seinen Techniken schon angelegt und wirksam ist[28].

Nun versteht Dingler Handeln sowohl als »geistiges« als auch als »manuelles«. Das ergibt für die methodische Fragestellung einen guten Sinn, steht jedoch auch für ein letztlich ungelöstes Problem der Dinglerschen Erkenntnistheorie. Der »manuelle« Aspekt betrifft Handeln als Intervention in eine Umwelt, als Arbeit am Material, als Herstellung von Artefakten in einem real-technischen Sinne. Dingler faßt diese Unteraspekte in den Begriff der »Realisierung«. Jedes Handeln ist eine Realisierung und hebt sich insofern ab vom bloßen Wunschgebilde, von der spielerischen Phantasie etc. Der »geistige« Aspekt ist insofern unerläßlich, als er die Zieldimension wie auch die damit verbundene rationale Planung der Durchführung der Handlungen betrifft. Im experimentellen Handlungszusammenhang zeigt sich das Geistige insbesondere in den Hypothesen, auf die hin ein experimentelles Arrangement ausgerichtet ist. In jeder Erkenntnistheorie der Wissenschaft besteht dann ein zentrales Problem darin, Prüfmechanismen zu entwickeln, die es gestatten, aufgestellte – oder besser: unterstellte – Hypothesen in ihrer Geltung zu bewerten und sie gegebenenfalls aufrechtzuerhalten, sie umzuformulieren oder sie ganz fallenzulassen. Für eine auf »volle« Begründung abzielende Erkenntnistheorie à la Dingler wird dies allein nicht genügen. Es wird auch nötig sein, schon die Wahl der Hypothesen selbst, die in anderen Denkansätzen wie etwa im Logischen Empirismus oder im Kritischen Rationalismus aus der Forschungslogik ausgelagert und zum bloßen psychologischen Problem gemacht wird, wenn irgend möglich zwingend zu begründen. In der seit Hans Reichenbach geläufigen Terminologie ausgedrückt: Für die methodische Philosophie steht sowohl der context of justification als auch der context of discovery einer wissenschaftlichen Theorie zur Begründung an.

Beide Aufgaben sucht Dingler zu lösen, indem er – als Entsprechung zum manuellen und geistigen Aspekt von Handeln – methodisch eine Kombination von Realisierung und sogenannter Exhaustion anwendet. Ähnlich wie beim Prinzip der pragmatischen Ordnung kann man auch bezüglich der Exhaustion ein gewisses Paradox zwischen Selbstverständlichkeit und geringer Bekanntheit feststellen. Wenn ein empirischer Wissenschaftler bei Experimenten Werte ermittelt, die nicht zu der vorgefaßten Hypothese passen, so wird er nicht gleich die Hypothese aufgeben, sondern danach suchen, ob es nicht noch andere Einflußfaktoren im Bereich der Umgebungsvariablen gibt, die für das unpassende Ergebnis ursächlich sein könnten. Diese Verhaltensweise ist alles andere als ungewöhnlich. Im Kontrast dazu weiß man heute aber kaum etwas vom Verfahren der Exhaustion, das eben diese nicht ungewöhnliche Verhaltensweise konzeptionell faßt. Von Dingler als methodische Strategie formuliert, meint die wissenschaftsgeschichtlich aus der Mathematik, genauer: aus der Berechnung kurvilinearer Flächen schon bei Archimedes stammende Exhaustion dieses: Es wird an vorformulierten Hypothesen festgehalten, auch gegen nicht dazu passende empirische Befunde. Natürlich kann es dabei nicht bleiben, soll der reine Dogmatismus vermieden werden. Daher kommt als zweite Teilstrategie hinzu, daß die Abweichung der empirischen Ergebnisse von der angesetzten Hypothese durch die Zusatzannahme von Störungen des hypothetischen idealen Sachverhalts erklärt wird. Ein Beispiel bietet etwa Galileis Fallgesetz: Die Gesetzeshypothese, wonach alle Körper gleich schnell fallen, nämlich mit gleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit, wird von Galilei aufrechterhalten, obwohl Beobachtung und Experiment schnell zeigen, daß unterschiedliche Körper unterschiedlich schnell zu Boden fallen. Die Aufrechterhaltung wird möglich, indem die festgestellte Abweichung vom Gesetz auf dessen Störung durch externe Einwirkung – hier: durch den Luftwiderstand – erklärt wird. Die Hypothese formuliert den idealen Sachverhalt, während der reale Sachverhalt auf das Dazwischentreten von Störungen zurückgeführt wird.

In der Exhaustion zeigt sich ein kreatives rationales Moment jeglicher Forschungslogik. Der Forscher schöpft die Wirklichkeit auf hypothetische rational erzeugte Schemata und Annahmen hin aus und will sich dabei auch nicht so schnell beirren lassen. Exhaustion heißt ja wörtlich Ausschöpfung bzw. Erschöpfung. Die Hypothesen fungieren, um im Bilde zu bleiben, wie Löffel, mit denen die Wirklichkeit ausgeschöpft werden soll. Das, was man herausschöpft, hat dann – nicht weiter verwunderlich – die Gestalt des Löffels. Die Löffelmetapher, die wir bei Dingler finden[29], drückt auch treffend die Position von Karl R. Popper aus, dem durchaus bewußt ist, daß er mit Dinglers Exhaustionsmethode zumindest dies gemeinsam hat, daß die Formulierung von Theorien eine Arbeit mit rationalen Vorgaben darstellt[30], die ihrerseits als Hypothesen der zu untersuchenden Wirklichkeit unterstellt werden. Für dieses Unterstellen verwendet Dingler auch in Anlehnung an Alois Höfler den Ausdruck des Unterbauens bzw. der Substruktion[31]. Diese Tätigkeit markiert den konstitutiven Ort der Rationalität in jeglicher wissenschaftlichen Forschung. Freilich trennen sich in der weiteren Ausgestaltung der exhaustiven Methode die Wege Dinglers und Poppers. Letzterer betrachtet die Hypothese als zumindest vorläufig bewährt, wenn die empirischen Befunde ihr nicht widersprechen. Passen die Befunde hingegen nicht, so sieht Popper dies als Falsifikation der Hypothese, die folgerichtig aufzugeben und durch andere Hypothesen zu ersetzen ist. Das Verhältnis von Verifikation und Falsifikation wird dabei asymmetrisch bewertet, nämlich zugunsten der Falsifizierbarkeit. Nicht so Dingler: Er forciert gerade die Möglichkeit, die Hypothese zu halten auch gegen eine nicht passende empirische Evidenz. Heute – nach den wissenschaftstheoretisches Gemeingut gewordenen Forschungen von Thomas S. Kuhn zur Dynamik wissenschaftlicher Theorien – kann man wohl sagen, daß die Exhaustion eher das Verhalten von Wissenschaftlern in Perioden der Normalwissenschaft beschreibt, wo ein Paradigma zum weitgehenden Standard geworden ist, während Poppers Methodenkonzept des Falsifikationismus wohl eher die revolutionären Perioden beschreibt, wo die Standards umgeworfen und durch neue ersetzt werden.

Uns interessiert hier aber mehr die Überzeugung Dinglers, daß die Wahl der Hypothesen sich auf ein Set an bestimmten Theorien einengen läßt, das man dann im weiteren Forschungsprozeß als eindeutig gesichert unterstellen muß und die also der Falsifikation prinzipiell entzogen sind, weil sie ein für allemal als gesichert gelten können. Zu diesen Theorien gehören für Dingler die euklidische Geometrie (verstanden als physikalische Raumwissenschaft) und die klassische physikalische Mechanik. Dingler nimmt also eine Menge von Grundtheoremen an, für die gilt, daß die Exhaustion sozusagen auf Dauer zu stellen ist. Wie kann Dingler so weit gehen? Hier kommt wiederum die Realisierung ins methodische Spiel. Als gelingende Ausführung einer Handlung, d.h. als Realisierung eines Ziels, ist sie die letztliche Entscheidungsinstanz, was die (Real-)Geltung des exhaurierten »Geistigen« – und das heißt: der unterstellten Theorien, der Hypothesen, der Begriffe, in Dinglers bevorzugter Ausdrucksweise: der Ideen, Formen und (elementaren) Gestalten – betrifft. Insofern kann man in der Realisierung den eigentlichen Schlüssel zu Dinglers Erkenntistheorie sehen. Ich beschränke mich an dieser Stelle darauf, das von Dingler anvisierte methodische Ideal zu skizzieren. Es ist eine – dem bekannten philosophischen Motiv der Einheit von Theorie und Praxis vergleichbare – geschlossene Einheit von Exhaustion und Realisierung. Dingler sieht idealiter »geistige und manuelle Behandlung völlig Hand in Hand gehen« und fordert »eine unmittelbare und völlige Zusammenarbeit des ideenhaft Geistigen mit dem Manuellen«[32]. Das »Hand in Hand« (das genau genommen eher als »Hand in Geist« zu bezeichnen wäre) und die »Zusammenarbeit« bleiben in diesen Formulierungen einiges an Eindeutigkeit schuldig. Schärfer ist da schon die Formulierung des erkenntnistheoretischen Ziels als »dieses dauernde und einzige geschlossene System der rationalen und manuellen Maßnahmen«[33]. Zieht man das grundlegende Sicherheitsmotiv in Betracht, so darf man wohl vermuten, daß eine Koinzidenz von Geistigem und Manuellem, Exhaustion und Realisierung gemeint ist. Nur so lassen sich nämlich die Unsicherheiten ausschließen, die in der Eigenbewegung beider Seiten mit jeweiligen nicht vermittelbaren Überschüssen an Sinn lauern. Der Begriff und die Theorie können in ihrer Vorstellungskraft über alles Handeln hinausschießen; und umgekehrt kann das Handeln sich in seiner Komplexität einer Subsumierung unter theoretische Begriffe und Formen entziehen. Wie so manche andere Koinzidenz des Unterschiedlichen in der Philosophie – man denke etwa an die Marxsche und marxistische Einheit von Theorie und Praxis im politisch-gesellschaftlichen Sinne – weckt auch Dinglers Koinzidenz (die man wohl kaum anders interpretieren kann als eine eben solche) den Verdacht, daß man es hier mehr mit einer Utopie oder einem Mythos zu tun habe als mit einer zweifelsfrei verbürgbaren Erkenntnis. Wäre die Koinzidenz doch nur aus einer dritten Perspektive heraus als solche zu garantieren – einer Perspektive, die aber aus Dinglers zweigleisiger Methodologie heraus kaum zur Verfügung stehen dürfte.

REKONSTRUKTIVES UND KRITISCHES

Nimmt man Dinglers eigenen Denkansatz und seinen hohen Anspruch – die Verbindung von methodischem Denken und maximalem Begründungsanspruch unter der Maßgabe absoluter und zweifelsfreier Sicherheit –, so ergeben sich bezüglich des geschichtlichen wie zeitgenössischen theoretischen Feldes drei strategische Konsequenzen. Sie seien zumindest erwähnt, können jedoch nicht detailliert verfolgt werden. Gemeinsam ist ihnen ein stark rekonstruktives Bemühen, in welches Dingler unterschiedliche Sphären des theoretischen Feldes einbezieht bzw. mit welchem er seinerseits in diese Sphären eingreift.

Zum einen positioniert sich Dingler auf unterschiedliche Weise im philosophischen Feld. Er ordnet sich selbst in dessen Strömungen und Tendenzen ein, so etwa in die neuzeitliche Subjektphilosophie, indem er erkenntnistheoretisch herausarbeitet, wie sich das philosophische und wissenschaftliche Wissen immer mehr einer konstruktiv-artifiziellen Tätigkeit von Menschen verdankt, als daß es nur der Betrachtung der Dinge und Ereignisse entspringe. »Nur bei uns selbst wissen wir es.«[34] Philosophische und wissenschaftliche Begriffe sind »Definitionen seiner (des Menschen; Ulrich Weiß) eigenen Fabrikation«, »Schöpfungen von uns selbst«[35]: Mit solchen Aussagen bindet sich Dingler in die kopernikanische Wende hin zum Menschen und dessen Subjektivität ein. Dingler nimmt aber auch philosophiegeschichtliche wie theoretisch-systematische Vorgaben auf, um sie aus der methodisch-pragmatischen Perspektivik heraus umzuformulieren bzw. zu rekonstruieren. Als Beispiel sei genannt die operativ-pragmatische Rekonstruktion der klassischen Formen bzw. Ideen als »gedankliche ›Planzeichnungen‹ für eventuelle auszuführende Realisationshandlungen«[36] bzw. als »Pläne für (geistige oder manuelle) Handlungen«[37]. Und schließlich geht Dingler so weit, die Philosophiegeschichte stark auf sich selbst, d.h. auf seine methodisch-pragmatische Philosophie zulaufen zu lassen und diese als Ziel und Vollendung einer geschichtlichen Entwicklung erscheinen zu lassen. Zu dieser Strategie gehört auch, daß man vergleichsweise Autoren und Theorien als – freilich noch nicht so fortgeschrittene und noch unvollkommene – Vorgänger des Dinglerschen Systems und seines methodisch-pragmatischen Selbstverständnisses interpretiert.

Ein zweiter bemerkenswerter Punkt betrifft Dinglers kritisch-rekonstruktive Auseinandersetzung auf dem erkenntnistheoretischen Feld. Konkurrierende erkenntnistheoretische Ansätze werden aus methodisch-pragmatischer Perspektive auf ihre Problempunkte hin untersucht, in ihrer Leistungsfähigkeit kritisch bewertet und insbesondere auf ihre begründungstheoretischen Defizite hin offengelegt. Von besonderer Bedeutung ist die Auseinandersetzung mit dem modernen Empirismus, insbesondere dem Logischen Empirismus bzw. Neopositivismus des Wiener Kreises (Moritz Schlick, Rudolf Carnap, Hans Reichenbach). Aber auch mit Karl R. Poppers Kritischem Rationalismus setzt sich Dingler auseinander. Bei all dem weiß Dingler die Differenzpunkte zu seinem eigenen Denkansatz scharfsinnig herauszuarbeiten. Kritik an der Induktion und an der theoretischen Überstrapazierung des mathematischen Formalismus (»empirischer Matrizenapriorismus«, »Mathematismus«) wendet sich gegen den modernen Empirismus, während bei Popper gerade dessen Fallibilismus und die damit verbundene prinzipielle Unsicherheit kritisiert werden. Aber auch Gemeinsamkeiten werden bedacht, so etwa die »certistische Tendenz« im positivistischen Denken. – Ein besonderer Sektor in Dinglers kritischer Erkenntnistheorie wird besetzt durch seine wissenschaftliche Weltbildanalyse und -kritik: ein Verfahren, das mit ideologiekritischen Strategien parallel geht, ohne daß Dingler dies meines Wissens bemerkt hätte. Es ist die Kritik am »Glauben an die Weltmaschine«, wie er im Titel des aus Vorträgen hervorgegangenen Buches aus dem Jahre 1932 bezeichnet wird. Will sagen: die Kritik an jenen wissenschaftlichen Weltbildern, welche die Grenzen der Wissenschaft methodisch illegitim überschreiten und aus wissenschaftlichen Theorien – die methodisch betrachtet immer von begrenzter Reichweite sind – das Bild einer ganzen Welt machen: aus methodisch-kritischer Perspektive eine »schlecht fundierte Pseudometaphysik«[38], ein Versuch der Schaffung von »unfundierten philosophoiden Ansprüche(n)«[39]. Eine Ideologiekritik am Szientismus also, die Dingler immer wieder beschäftigt und die zu unterschiedlichen Publikationen führte (aus Dinglers Spätphase sei besonders erwähnt die Studie über »Das physikalische Weltbild« 1951).

Die dritte strategische Konsequenz betrifft das Feld der Wissenschaften und dort konkret einzelne Fachwissenschaften. Das Programm hat zum Ziel, einzelne als Schlüsseldisziplinen erachtete mathematische und physikalische Fachwissenschaften von den neuen methodisch-pragmatischen Grundlagen aus zu rekonstruieren. Im Aufbau solcher im Falle der Vollbegründung an das System angeschlossener rekonstruierter Disziplinen soll sich die Leistungsfähigkeit des neuen Ansatzes zeigen. Die faktisch vorfindlichen Naturwissenschaften, die zu Dinglers Lebzeiten eine rasante und revolutionäre Entwicklung erfuhren, teilen sich dabei je nach Stand ihrer Integration ins »eindeutig-methodische System« der »reinen« bzw. »vollständigen Synthese« in zwei Bereiche: Der eine Bereich – worunter Dingler zählt die euklidische Geometrie und die klassische physikalische Mechanik à la Newton – wird von Dingler als erfolgreich rekonstruierter Teil seines Systems betrachtet. Was noch nicht den Prinzipien des »eindeutig-methodischen Systems« genügt, das ordnet Dingler der »vorläufigen Synthese« zu. Die Rede ist auch von der vorläufigen »Frontwissenschaft«, zu der eine Etappe der systematisch gesicherten Disziplinen als Hintergrund hinzuzudenken ist. Dinglers Wissenschaftstheorie ist keine rein deskriptive, die ihrem Gegenstand nur dessen Methoden und Ergebnisse abschaut, um daraus allgemeinere Schlüsse zu ziehen. Vielmehr versteht sich dieser Typus von Wissenschaftstheorie als normativ in dem Sinne, daß sie mit der methodischen Begründung auch die Präferenz auf inhaltlich bestimmte Theorien vorschreiben möchte. Freilich sollte man dabei die zeitliche Dimension nicht aus den Augen lassen. Die Rekonstruktion der Wissenschaften im Sinne ihrer operativ-pragmatischen Begründbarkeit ist für Dingler selbst eine lebenslange und keineswegs beendete Aufgabe, die ihrerseits für nachfolgende Generationen zum Projekt wird. Man denke an die weiteren Rekonstruktionsarbeiten durch die Gruppe von Wissenschaftstheoretikern und Philosophen, die sich im Ausgang von Paul Lorenzen zunächst als Erlanger Schule, später als deutschen Konstruktivisten und noch später als Anhänger einer »methodischen Philosophie« bezeichneten[40]. Man denke auch an Ulrich Hoyers Arbeiten und sein Unternehmen einer »Synthetischen Quantentheorie«, wo die Quantentheorie als auf dem Boden der klassischen Mechanik stehend – und nicht gegenläufig zu dieser – aufgewiesen wird. Nur einige wenige Disziplinen sind aus Dinglers eigener Sicht durch ihn selbst vom Begründungsprojekt zur gelungenen Vollbegründung geführt worden. Soweit ich es sehe, hat Dingler dabei die euklidische Geometrie und die Physik von Galilei und Newton im Auge. Für den sehr großen Rest gilt die Zuversicht auf methodisch-pragmatische »Anschlüsse«, welche das eindeutig-methodische System immer mehr ausweiten. Ein Projekt, welches die meisten wissenschaftlichen Diszplinen in ihrer methodischen Vorläufigkeit und Unvollkommenheit zunächst zu akzeptieren hat, um sich dann an den Versuch zu machen, sie ins operativ-pragmatisch fundierte System zu integrieren. Das meiste ist immer noch »Frontwissenschaft«, deren unsicheres Frontdasein sozusagen in die Sicherheit der Etappe des »eindeutig-methodischen Systems« übergeführt werden soll.

Die von Dingler selbst durchgeführte Rekonstruktionsarbeit umfaßt eine Reihe von Disziplinen, die allerdings mit stark unterschiedlicher Intensität und in stark unterschiedlicher Breite der Thematisierung bearbeitet werden:

· Logik

· Arithmetik

· Geometrie (mit starker Intensität und in breitem Ausmaß thematisiert)

· Physik (mit starker Intensität und in breitem Ausmaß thematisiert)

· Biologische Evolutionstheorie

· Kulturanthropologie.

Bei Mathematik und Physik, den sicherlich von Dingler am meisten und am eingehendsten behandelten Gebieten, kommt der Geometrie – genauer: der euklidischen Geometrie – eine systematisch so prominente Stellung zu, daß man geradezu von einem neuen mos geometricus sprechen könnte (der alte beherrschte vor allem im 17. Jahrhundert die methodologischen Debatten). Die Bevorzugung, ja die Behauptung der Einziggeltung der euklidischen Geometrie führt Dingler methodisch zur Affirmation der Newtonschen Mechanik und negativ zur kritisch-ablehnenden Distanzierung von der Relativitätstheorie Einsteins, die in ihrer begrifflichen Erfassung von Raum und Zeit mit der nichteuklidischen Geometrie arbeitet. Nun bildet die Ablehnung der Relativitätstheorie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts einen heterogenen Komplex, in dem sich sachlich-fachwissenschaftliche Argumente mit politischen und ideologischen Kämpfen bis hin zum Antisemitismus mischen. Dinglers Überlegungen berühren sich zwar auch mit diesen sachfernen Bereichen, was in der Rezeption einen einschlägigen Schatten auf die ganze Frage des Verhältnisses Dinglers zur Relativitätstheorie geworfen hat. Gleichwohl bildet das Politisch-Ideologische nicht die Substanz der Kritik Dinglers. Diese ist vielmehr eine methodisch-systematische. Die Relativitätstheorie wird zwar als Rechenformalismus und interessante Hypothese wahrgenommen und in diesem Sinne zur physikalischen »Frontwissenschaft« gezählt. Aber sie wird von Dingler gleichwohl abgelehnt aus methodischen und geltungstheoretischen Gründen, weil sie sich nicht an das als methodisch gesichert behauptete Newtonsche Fundament anschließen läßt. Die Geometrie spielt dabei, noch einmal gesagt, eine zentrale Rolle. Das ist so, weil die Geometrie entsprechend Dinglers operativ-pragmatischer Begründungsstrategie nicht als reiner Formalismus im Sinne von David Hilbert begriffen wird – ein Formalismus, der dann als Instrumentarium nach Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten verwendet werden kann, um die physikalische Wirklichkeit zu beschreiben –, sondern als Wissenschaft vom realen Raum und damit als integraler Teil der Physik, dessen Formelemente Realgeltung beanspruchen. Zwar ist Dinglers Geometriebegründung keineswegs homogen und uniform. Neben der operativen Begründung gibt es auch eine Wendung ins rein Formentheoretische. Gleichwohl entspricht die operative Begründung doch mehr dem Gesamtkonzept des Dinglerschen Systems. Und überdies stoßen wir im zentralen Punkt der operativen Grundlegung der Geometrie auf Dinglers vermeintlich größten Trumpf im Spiel um die Vollbegründung: das Dreiplattenverfahren.

An ihm zeigt sich eindringlich, wie eng die methodisch-pragmatische Begründung mit technischen Herstellungsverfahren verknüpft, ja diesen geradezu abgeschaut ist – Dingler hat sie in Aschaffenburg, der Stadt seiner Jugend, der Geburtsstadt seiner zweiten Frau, Martha Dingler, bei der dortigen feinmechanischen Präzisionsmaschinenindustrie kennengelernt und studiert. Bei der Herstellung von Meßapparaten müssen technische Elemente verwendet werden, die idealen geometrischen Vorgaben möglichst nahe kommen, um die Präzision des Produkts bei Messungen zu gewährleisten. Zu diesen Elementen gehören Platten, die dem Ideal einer euklidischen Ebene möglichst nahe kommen. Dieses Ideal kann theoretisch formuliert werden am Kriterium der Ununterscheidbarkeit aller Punkte auf der Ebene. Man kann sich die Ununterscheidbarkeit anschaulich vergegenwärtigen, indem man sich zwei aufeinander liegende Ebenen vorstellt, die zusätzlich gegeneinander verschoben werden können. Dann kann man unter idealen Bedingungen die Punkte der einen nicht von den Punkten der anderen Ebene unterscheiden. Es kommt nun darauf an, Ununterscheidbarkeit möglichst genau technisch zu realisieren. Als Maßstab für eine solche Realisierung dienen sogenannte Richtebenen. An ihnen kann die Ebenheit der hergestellten Platten festgestellt werden. Im Sinne einer pragmatischen Begründung stellt sich dann die Frage, wie man zu Richtebenen kommt. Die technische Antwort ist der Verweis auf sogenannten Urebenen, welche als Maßstab für die Herstellung der Richtebenen dienen. Wie aber kommt man zu einer Urebene, zu der es keinen realen Maßstab der Ebenheit gibt und die insofern in der Tat von ursprünglicher Art ist? Die pragmatische Ordnung verweist also auf unterschiedliche »Generationen« von Ebenen[41]. Von besonderem Interesse ist natürlich die Letztinstanz der operativen Begründung: die Urebene. Sie wird nun hergestellt im sogenannten Dreiplattenverfahren. Drei mit geeigneten Instrumenten vorgeebnete Platten (aus Stein oder Metall) werden wechselseitig so lange aneinander abgeschliffen, bis sich eine vollständige Passung ergibt. Technisch-praktisch kann diese durch Farbaufträge auf die Platten überprüft werden: konkave Abweichungen von der Form der Ebene werden beim Reiben der Platten aneinander bemerkbar, indem der Farbauftrag an diesen Stellen bzw. Teilflächen bestehen bleibt, während er bei ununterscheidbaren Teilflächen abgeschliffen wird. Drei Platten müssen es sein, weil sich bei zwei frei gegeneinander beweglichen Platten beim Abschleifen aneinander die Möglichkeit der Abweichung von der Form der Ebene ergeben könnte: eine Platte wäre dann konkav, während die andere Platte entsprechend konvex ausfiele. Systematisch gilt: Wenn das Dreiplattenverfahren die Begründung schlechthin für die geometrische Elementarform bzw. Elementargestalt der Ebene leistet, dann ließe sich daraus der ganze Aufbau der Geometrie ableiten. Dies geschähe wiederum auf operative Weise: Die Gerade würde eingeführt als Schnittlinie zweier Ebenen, der Punkt als Schnittpunkt zweier Geraden.

Im Sinne einer pragmatischen Letzt- bzw. Absolutbegründung ist das Dreiplattenverfahren einschlägig interessant, weil es die Ebene in einer technischen »Urzeugung«[42] einführt, ohne eine Ebene als Maßstab voraussetzen zu können. Das Verfahren entspricht also dem methodischen Erfordernis der Zirkelfreiheit. Das Dreiplattenverfahren ist auch ein modellhaftes Beispiel für eine operative Definition. Was Ebene heißt, wird definiert durch die Angabe des Herstellungsvorgangs, der zum Defininiendum führt. Dieser Herstellungsvorgang muß, so Dinglers Überzeugung, mit Notwendigkeit zur euklidischen Ebene führen, schließt jegliche nichteuklidsche Geometrie somit aus. Praktisch wird jeder diesem Gedankengang zustimmen: In der Tat rechnen die Werkmeister und Ingenieure in den Fabriken der feinmechanischen Industrie mit der euklidischen Geometrie. Und nicht nur in der Ingenieuretechnik, auch im Alltagshandeln wird man sogleich zustimmen können: Die euklidische Geometrie ist diejenige, die unseren Wahrnehmungen entspricht, die wiederum ihrerseits eng verknüpft sind mit der körperlichen Bewegung im Raum. Es ist jedoch bis heute die Frage geblieben, ob all dies rechtfertigt, das Dreiplattenverfahren – und nur dieses – als zwingenden und unabwendbaren Begründungsweg hin zur euklidischen Geometrie – und zu keiner anderen – zu betrachten, wie Dinglers dies reklamiert. Die euklidische Geometrie ist für Dingler »nicht etwa eine beliebige Konvention, wie das H. Poincaré meinte, sondern wir sind eindeutig zu ihr gezwungen, einfach aus den Umständen und der Konsequenz des methodisch-praktischen Verfahrens und Handelns heraus.«[43] Sind wir gezwungen, und handelt es sich um eine methodisch-pragmatisch eindeutige Folgerung? Wir stoßen an dieser Problemstelle wiederum auf die Frage des »Hand in Hand« von Exhaustion und Realisierung. Der Werkmeister exhauriert die Wirklichkeit auf die Idee der euklidischen Ebene hin. Ebendiese will er herstellen, und ebendiese ist es, die bereits die Vorarbeiten in Gestalt einer provisorischen Vorebnung der Platten als geistiges Orientierungsschema leitet. Nun könnte man ja auch Exhaustionen durchführen mit Ebenen im Sinne nichteuklidischer Geometrien. Daß es gerade die euklidische Ebene ist, diese »Wahl« wird zwingend vorgeschrieben durch die Realisierung selbst – aus ihr allein und nichts sonst soll sich die euklidische Ebene ergeben. Was die Realisierung zwingend festschreibt, das wird exhauriert, und nur so wäre das »Hand in Hand« beider Methoden denkbar. Noch einmal aber stellt sich die Frage: Kommt es zu dieser zwingenden Koinzidenz, und leistet die Realisierung dabei jene Vereindeutigung im Sinne einer Vollbegründung, die keine andere Möglichkeit läßt? Ich bin nicht einmal annähernd in der Lage, hier die spannende und immer noch aktuelle Diskussion – deren Teilnehmer samt ihrer Beiträge in der Bibliographie vermerkt sind – auch nur skizzenhaft zur Darstellung zu bringen. Die Debatte scheint mir aber zu zeigen, daß der Dinglersche Maximalanspruch durchaus berechtigterweise mit kritischen Einwänden konfrontiert wird. Die Reihenfolge des Aufbaus der Geometrie, dann aber vor allem die beanspruchte Unabhängigkeit der operativen Ebenendefinition vom Material (nur so vermag Dingler der drohenden Zirkularität zu entgehen, daß seine Ebenendefinition, welche die Physik begründet, ihrerseits bereits als Gegenstand in die Physik gehört) – all das bildet wenn schon keine Einfallstore, so doch Einfallstüren für Nichtzwingendes und Zweifel. Dies alles ist Gegenstand der Diskussion von Dinglers (Er)Findung des Verfahrens bis heute. Das Spiel um die letzte und absolute Sicherheit: Gewonnen scheint es damit nicht.

DENKEN DER GRENZE, DIESSEITS WIE JENSEITS: DINGLERS METAPHYSIK

Nimmt man das in meiner bisherigen Skizze Darstellte, so hätte man eine sehr interessante Erkenntnistheorie, die gewiß auch kontrovers zu diskutieren ist. Man hätte aber keineswegs das Ganze der Dinglerschen Philosophie. Dieser Sachverhalt erhellt ganz klar aus der Selbstbeschreibung des Dinglerschen Systems, welche mit dem Leitmotiv der Grenze sowohl Selbstbegrenzung wie auch Selbstüberschreitung signalisiert. Einem – mit Kant ausgedrückt – Denken auf der Grenze erschließt sich das System als ein Binnenraum rationaler Theoretisierung, welcher sich in methodischer Ordnung aus einem operativ-pragmatischen Fundament heraus aufbaut und sich gemäß immer weiterer Anschlüsse und rekonstruktiver Hereinnahmen in das System in einem andauernden Wachstum befindet. Neben einer Reihe von Systemmetaphern, die stets auf die Bedeutungsmomente eines Festen, in sich Strukturierten hinauslaufen[44], prägt Dingler in seinem Spätwerk für diesen Binnenraum der Rationalisierung die bereits mehrfach erwähnte Metapher des »Gerüsts«. In sich selbst strukturiert und methodisch geordnet, expandiert es durch immer neue Anbauten, die im Dinglerschen Falle als methodische Fortsetzungen und Ausweitungen des bereits gesicherten Kerns zu betrachten sind. Dabei ergibt sich eine doppelte Bedeutungsbestimmung von Grenze: Grenze ist zum einen die Frontlinie des Gerüsts. Die Bestimmung dieser Linie erfolgt relativ zum Gerüst und bezieht sich auf einen jeweiligen Zeitpunkt und den entsprechenden Stand der Systematisierung. Die Linie steht also nicht fest; sie ist variabel je nach Zeit und Entwicklungsstand des Systems. Da im wesentlichen systemrelativ definiert, könnte man diese Grenze im Kantschen Sinne auch als »Schranke« bezeichnen. Eine echte »Grenze« wird daraus, wenn neben dem Diesseits der Linie auch deren Jenseits zum Gegenstand der Reflexion wird. Dies ist genau genommen schon dann der Fall, wenn Dingler die jeweilige Grenze des rationalen Gerüsts auf diejenigen Sinngehalte bezieht, die zwar noch außerhalb des gesicherten Systems anzusiedeln sind, in der Zukunft jedoch ins System integriert werden können. Dingler wählt für diese Grenzziehung die Begriffe des Systems einerseits, der »Systematisanda« andererseits[45], die als solche zumindest prinzipiell integrierbar sind. Eine qualitativ ganz andere, echt prinzipielle Bedeutung von Grenze wird hingegen formuliert, wenn Dingler kunstsprachlich neben den Systematisanda von »Insystematisabilia« spricht[46] – prinzipiell und wesentlich systemfremden und als solche nicht systemisch vereinnahmbaren Beständen und Momenten von Realität. Beide, Systematisanda und Insystematisabilia, bilden jenen Bereich des »Irrationalen«, welcher sich vom Rationalen des Gerüsts abhebt.

Das Irrationale ist nicht nur Negativbegriff, der seine perspektivische Bildung von der Rationalität methodisch-systematischen Denkens und Wissens her bezieht. Es geht auch ein in Dinglers ontologische Grundüberzeugung, die sich in der These konzentriert: »Alles Reale ist unendlich irrational.«[47] Die Realität bleibt »unseren rationalen Formbegriffen gegenüber stets prinzipiell irrational und inkommensurabel«[48]. Demgegenüber stellt jegliche Rationalisierung nur eine künstliche Stabilisierung und Fixierung dar, welche das Unergründliche und Fließende des Seins einer Statik und Begründung zu unterwerfen sucht – eine ontologische Denkfigur, die der Nietzscheschen Kritik an der traditionellen, auf Verfestigung und Verdinglichung abzielenden Ontologie sachlich sehr nahe steht. Im anschaulichen Bild ausgedrückt: Das Gerüst schwebt – in seinem Ort im Sein nicht vermeßbar – im fließenden Irrationalen der Realität. Daß die Ontologie hier durchaus dem menschlichen Dasein nahe ist, ja seine Erfahrung einbegreift, das zeigt sich in der Einschätzung, daß wir Menschen in unserer Existenz »im kleinen Bereich um sich herum eine Realisierung« schaffen, eine »rationalisierte Sphäre«[49]. Neben das konstruktive Potential tritt somit die Bescheidenheit und Begrenztheit von dessen Produkten – eine existentielle Einsicht in die Stellung des Menschen in der Welt. Der Binnencharakter der Rationalität, ihre konstruktive Eigenart im Blick auf menschliche Subjektivität, schließlich das Denken auf der Grenze: All dies legt es nahe, Dinglers Denken einem Kantschen Typus zuzuordnen. Man könnte von einem rationalistischen Impuls sprechen, aber eben kritisch restringiert. Es ist nicht mehr jener Rationalismus klassischen Zuschnitts, der in den großen Systemen der frühen Neuzeit (Spinoza, Leibniz, Wolff) die rationale Erschließung von Wirklichkeit mit deren rationaler Grundstruktur zusammendenkt. Es ist auch nicht jene dialektisch raffinierte Überzeugung Hegels von der schließlichen Vernünftigkeit alles Wirklichen. Es ist aber auch mehr als nur das Eingeständnis, daß man über das sich der vernünftigen Ergreifung im Begriff Entziehende keinerlei Aussage machen könne. Was man sagen kann, das ist Gegenstand dessen, was Dingler mit dem alten und oftmals mißverstandenen Wort »Metaphysik« nennt. Mit diesem Begriff ist nicht gemeint eine philosophische Auffassung von Realität als überphysischer, ein Idealismus also. Vielmehr wird angeknüpft an die klassische philosophia prima: Reflexion auf das Erste oder – je nach Perspektive – Letzte (»Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten« – so der Titel des Buches von 1929) von Sein und Menschsein. In diesem Sinne umgreift die Metaphysik dann auch noch das System, indem sie dessen Grenzen reflektiert und transzendiert. Voll präsent ist diese Wendung zur Metaphysik im eben erwähnten wichtigen Buch »Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten« 1929. Auf dem Denkweg von der anfänglichen Metaphysikskepsis im Sinne Ernst Machs bis zur Rehabilitierung der Metaphysik 1929 taucht das später so genannte Metaphysische schon bald in thematischen Stücken – wie etwa im Motiv eines »unmittelbar Gegebenen« oder im Beharren auf der nicht vollständig logisch einholbaren Eigenart der Seele – auf[50]; man könnte auch gut zeigen, wie das Thema der Grenze zunächst – in Anlehnung an die traditionelle mathematische Grenzmethode – bloß als Limes auftaucht, womit die fortschreitende Grenzlinie der wissenschaftlichen Rationalität begrifflich gefaßt wird[51]; dann erst entwickelt sich die Grenze zu jenem Denken, welches den bloßen Limes transzendiert, das System von seinem Anderen bzw. Außen zu beleuchten unternimmt und somit der Metaphysik einen unverzichtbaren Platz in Dinglers Denken einräumt.

Die ontologische Scheidung in eine Sphäre des Rationalen, Berechenbaren, methodisch klar Bestimmbaren und systematisch Ordenbaren einerseits und andererseits in eine Sphäre des Irrationalen, das immer nur partiell – und selbst dies als eine unendliche Aufgabe – in eine rationale Ordnung überführt werden kann, im wesentlichen aber unergründlich bleibt und sich der begrifflichen Fassung in der Art des Systems entzieht – diese ontologische Scheidung spiegelt sich auch in der menschlichen Existenz und ihrem Weltverhältnis (»Das Ich und die Welt« – um es mit dem Titel eines unveröffentlichten Buches von Dingler auszudrücken). Kein Zweifel: Das der menschlichen Existenz Nähere ist das Irrationale. Dingler spricht von der »ersten menschlichen Existenz«, die »einfach da« sei[52] – will sagen: die keinerlei Vermittlungen reflexiver, objektivierender oder sonstiger künstlicher Art bedarf. Es gibt mehrere begriffliche Wege, auf denen sich Dingler der Einsicht in diesen primären Existenzcharakter nähert. Einer davon ist die Bestimmung der Standpunktlichkeit des Menschen in seinem Welterleben. Die Rede ist vom »Standpunkt der Voraussetzungslosigkeit«, vom Standpunkt des »Unmittelbar (d.h. eben nicht durch logische Verarbeitung Beeinflußten) Gegebenen«, vom »Tagesstandpunkt« als dem »Standpunkt des täglichen (unreflektierten) Lebens«, vom »Vorallgemeinstandpunkt« (wo es ums je Einzelne und nicht um die logische Konstruktion eines Allgemeinen geht), schließlich vom »Voreindeutigkeitsstandpunkt«, der sich auf die Eindeutigkeit des Systems negativ bezieht[53]. Bleiben all diese Verhältnisbestimmungen des Menschen zur Welt in ihrer negativen Formulierung auf das Negierte, nämlich die methodische Wissenschaft und ihr System, bezogen, so öffnet Dingler in einer späteren Formulierung wie derjenigen des »Standpunkts der primären Existenz«[54] dem Metaphysischen offenkundig seinen eigenen Sinnraum, demgegenüber nun die Bezüglichkeit auf die rationalen Konstruktionen zu einem bloß sekundären Phänomen zurückgestuft wird.

Gemeinsam ist all diesen begrifflichen Fassungen, daß sie sich dem basalen Faktum annähern: daß es eine unmittelbare Existenz des Menschen gibt, mit entsprechendem Erleben in Wahrnehmungen, Instinkten, Drängen, Willentlichem etc. – eine Existenz, der gegenüber alles philosophische und wissenschaftliche Denken, also auch das Dinglersche System bzw. das rationale Gerüst, nur eine Realität von abgeleiteter und »zweiter« Art darstellt. Das Leben ist vor aller Theorie, und die Theorie ist immer eine Reduktion gegenüber der Fülle, dem Reichtum und der Farbigkeit des Lebens. »Grau ist alle Theorie ...«, wie man es mit Goethes »Faust« sagen könnte. Gegenüber dieser »primären Existenz« ist eine »sekundäre Existenz«[55] in der wissenschaftlichen Thematisierung des Menschen gegeben, wie sie in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, aber auch in der philosophischen Reflexion vorgenommen wird. (Man könnte sagen, die philosophische Reflexion ist vor den Wissenschaften dadurch ausgezeichnet, daß sie – wie Dingler selbst dies tut – eben diese ontologische Differenz selbst zum Thema zu machen imstande ist.) Hier ist der Ort, wo die methodische Kritik am wissenschaftlichen »Glauben an die Weltmaschine« (um es noch einmal mit dem Titel dieser Schrift Dinglers aus dem Jahre 1932 zu formulieren), d.h. am ideologisch aufgeblähten Allanspruch des wissenschaftlichen Denkens, durch eine metaphysische Kritik ergänzt wird: Der Wissenschaftler, der sich des sekundären Charakters der Ergebnisse seines wissenschaftlichen Tuns nicht mehr bewußt ist, hat die Grenze zum Ideologen überschritten.

Bevor wir diese existentielle Frage des menschlichen Weltverhältnisses weiterverfolgen, sei ein systematischer Impetus zur Sprache gebracht, der das System im engeren Sinne (eben das »Gerüst« einschließlicher seiner Reflexion im System von Dingler selbst) und das Nichtsystematisierbare (also die eigentliche und primäre Realität) durchgreift und sozusagen einen Focus und archimedischen Punkt im Denken Dinglers darstellt. Es ist die Frage nach dem Willen und dessen philosophisch-systematische Fassung als Voluntarismus. »Jede Philosophie überhaupt ist notwendig letzten Endes ein Voluntarismus.«[56], lautet die zentrale These. Der Wille – er markiert für Dingler erklärtermaßen »die zentralste Stelle im Bau der reinen Synthese«, »die Stelle, wo letztlich jede Geltung wurzelt«[57]. Insofern der Wille als »Zentralpunkt« des Systems verstanden wird, legt sich die Ähnlichkeit mit Descartes’ archimedischem Punkt nahe – eine Ähnlichkeit, die sich zu beider Überzeugung vom Primat eines methodischen Denkens hinzugesellt. Daß man von einem volitiven Cartesianismus sprechen kann, zeigt sich auch in der existentiellen Pointierung: In je meinem Willen – und nicht in einem Weltwillen – ist dieses Zentrum einer jeglichen methodisch aufgebauten Systematik zu suchen[58]. Das zentrale Sicherheitsstreben und die Erwartung, durch das Denken aus einem letzten, allgemein verbindlichen Zentralpunkt heraus letzte Sicherheit zu gewinnen, verbindet Dingler mit dem Pionier neuzeitlicher Rationalität. Im Willen erwartet Dingler das »letzte Sicherungsprinzip« jeglicher methodischen Rationalität zu finden[59]. Freilich ist es nicht das cartesische »Ich denke«, auf welches sich das Begründungsdenken fokussiert, sondern eben ein »Ich will«[60]. Übernimmt man diese Grundüberzeugung, so müssen konsequenterweise alle Sätze des Systems im Grunde volitive Äußerungen sein, d.h. Imperative. Und in der Tat werden die vielen Prinzipien, in welche Dingler sein Systemfundament versammelt, als volitive Postulate gefaßt: das Prinzip der Eindeutigkeit, der Vollbegründung, des Systems etc., schließlich das »Prinzip des Willens« selbst (»daß wir meinen Willen als letzte Geltungsinstanz zugrunde legen«[61]) – sie alle sind willentlich als solche gesetzt. Letzte Sicherheit – eine Angelegenheit nur des je individuellen Wollens? Daß gerade letzteres durchaus gemeint ist, daran lassen Dinglers Ausführungen keinen Zweifel. Es ist ein »aktiver Wille«, wie Dingler mit aller Deutlichkeit hervorhebt: ein Wollen als präsentes Erleben, vollzogen als aktualer psychischer Akt. Das ist eine Entscheidung zur metaphysischen Sparsamkeit: Wille nicht als Bestandteil einer substantialistischen Metaphysik, als Weltwille oder dergleichen. Wille auch nicht als Instanz einer Psychologie, welche die Seele nach Schichten und Funktionen analysiert. All diese Thematisierung und theoretischen Objektivierungen von Wille werden von Dingler vermieden zugunsten des Rekurses auf den hier und jetzt in seiner Präsenz erlebten und vollzogenen Willen, genauer also: das Wollen. Es ist immer noch eine Metaphysik – des wollenden Individuums nämlich als einer Grundinstanz des Erkennens von Welt. Aber es ist eine gegenüber der spekulativen sparsamere, kargere Metaphysik. Wollen im kritischen Sinne, nämlich als aktualistisch eingegrenzte mentale Tätigkeit.

Dem Bemühen um Grenzreflexion scheint der Wille auf besondere Weise zu entsprechen. Er ist sozusagen diesseits wie jenseits der Grenze beheimatet. Das zeigt bereits die doppelte Möglichkeit seiner Thematisierung. Als »aktiver Wille« gehört er zum Irrationalen und entzieht sich jeglicher rationalen Erfassung. Er kann jedoch auch – etwa in der empirischen Psychologie – zum Gegenstand methodischer Erforschung und Theorienbildung werden. Dingler spricht dann vom »passiven Willen« und beharrt darauf, daß beides – aktiver wie passiver Wille – nicht verwechselt werden dürfe, weil es unterschiedlichen Perspektiven der Thematisierung entspricht. Die besondere Brückenfunktion des Willens tritt jedoch im Umstand zutage, daß der Wille als »Irrationales« zugleich als »Erstes« im Sinne der Dinglerschen Vollbegründung fungiert. Der Wille steht »am Ende jeder bis zum letzten durchgeführten Geltungsreihe«[62]. Er bildet die erste Sprosse der methodischen Leiter und gehört insofern an prominentester Stelle – am Beginn der methodischen Ordnung – zur Begründung. »Damit aber findet auch das Geltungsproblem seine praktisch einzig mögliche Lösung, und die ›Leiter‹ erhält ihre einzige natürliche Beendigung.«[63] Dem Doppelcharakter des Willens sucht eine doppelte Benennung für das Volitive auch begrifflich zu entsprechen. Es ist die Unterscheidung zwischen Voluntarismus und Dezernismus, beide von Dingler als Garanten für die angestrebte Vollbegründung bemüht. Dem metaphysisch ausgelegten Begriff des Voluntarismus steht gegenüber der methodische Begriff des Dezernismus als die Entscheidung, den Begründungsrekurs an der Stelle gewisser Prinzipien abzubrechen[64]. Dieses Entscheidungsmoment verbindet Dingler mit dem Konventionalismus Henri Poincarés, der bereits den jungen Dingler stark beeinflußte. Während Dingler jedoch den Unterschiedspunkt darin sieht, daß sich Poincaré auf kollektive Entscheidungen und Festsetzungen bezieht und Dingler selbst auf individuelle Entscheidungen rekurriert[65], scheint damit keineswegs die hauptsächliche Differenz getroffen. Diese liegt m.E. im pragmatischen Moment, welches Dinglers Verständnis von Wollen und Entscheiden wesentlich prägt. Die Bedeutung des pragmatischen Moments in Dinglers Voluntarismus kann, so meine ich, kaum überschätzt werden – bedeutet es doch, daß der Wille seine Energie nicht in beliebiger Weise und auf beliebige Ziele hin realisiert. Dingler schließt hier an eine lange Tradition des handlungstheoretischen Denkens an, wo das Wollen – im Gegensatz etwa zum bloßen Wünschen – immer ins Handeln eingebunden ist und damit einen konkreten Weltbezug hat. Wie auch bei anderen Denkern des Wollens (Kant sei hier beispielhaft genannt) wendet sich der Wille auch bei Dingler in einem gründenden metaphysischen Zirkel auf sich selbst zurück, um sich als Wille zu ... zu fassen. Dieses »zu ...« bezieht sich dann auf Methodik, Systematik, Vollbegründung, Eindeutigkeit, etc. Es ist aber auch ein Wille zu einer bestimmten Art des Handelns – des Herstellungshandelns nämlich – sowie zu einer bestimmten Art von Rationalität des Handelns, der Zweckrationalität oder auch instrumentellen Rationalität. In seiner Erfolgsorientierung und in der Option auf Ausführbarkeit der gefaßten Ziele bindet sich das Gewollte ganz substantiell an die Realisierung, d.h. an die Ausführung in pragmatisch geordneten Ketten von Einzelhandlungen. Das Handeln als Realisierung diszipliniert damit den Willen. Die Rede vom Willen steht andererseits für eine Grund- wie Zielbestimmung des Handelns. Der Wille, das ist – ganz Kantisch und etwa von Hannah Arendt wieder aufgenommen – auch bei Dingler der unhintergehbare Anfang von Handlungsketten und deren aktiver Kausalität. Der Wille, das ist aber auch eine übergreifende Zielhaftigkeit des pragmatisch geordneten Handelns, die in all ihren Methodenwegen und in all ihren artifiziellen Hervorbringungen letztlich die menschliche Herrschaft über die Natur und über sich selbst zu verwirklichen sucht.

Anders ausgedrückt: Wille, das ist ein Begriff (oder vielleicht auch nur eine Chiffre?) für einen humanen Weltbezug, den Dingler – der Kulturtheorie und -kritik der Weimarer Republik, insbesondere Oswald Spenglers durchaus nahe – als einen »faustischen« charakterisiert[66]. In Heideggerscher Weise daseinshermeneutisch ausgedrückt: Wille fungiert als eine Vorstruktur zur Erschließung von Welt; eine fundamentale Weise des Wahrnehmens von Wirklichkeit, eine Bedingung der Möglichkeit, von der aus sich Wahrnehmung, Denken und Handeln auf eine ganz bestimmt Weise öffnen; ein Zugang zu einem ganz bestimmten Welt- und Selbstverständnis von sinnorientiert Handelnden. Von hier aus könnte man – mit Dingler und gegen ihn – die primär individualistische Auffassung des Willens als eines »Ich will ....« nur als Moment in einer die Individuen übergreifenden Struktur der Herrschaft bzw. der Macht begreifen. Die volitive Vorstruktur löst sich ab von einem bloßen bewußten Wollen in einem individuellen Handeln. Es ist vielmehr eine Sinnstruktur, welche gar nicht bewußtgemacht zu werden braucht, um dennoch auf eine nachhaltige und umfassende Weise wirksam zu werden. Wo Heidegger – und später Michel Foucault – die Machtstruktur und ihre Dominanz gerade über das Subjekt hervorheben, dort bleibt Dingler vielleicht allzusehr dem Individuell-Subjektiven verhaftet. Immerhin klingt im faustischen Weltbezug doch schon ein das bloß individuelle Wollen und seine Psychologie übersteigendes Motiv an. Wie auch immer: Dingler faßt die dem faustischen Weltbezug entsprechende Tätigkeit als Intervention in die Natur und Eroberung derselben. In der wissenschaftlichen Forschung und mit ihren Konstruktionen auch realtechnischer Art gilt es letztlich eine ganze Welt zu erschließen und beherrschbar zu machen. Man mag Dinglers plakativ-eingängige Sichtweise des »Feinde ringsum«, wo sich die Menschheit gegenüber einer als bedrohlich und existenzgefährend begriffenen Wirklichkeit in die Festung des rationalen Systems zurückzieht und diesen Hort der Sicherheit zum Zweck der Selbsterhaltung immer mehr zu erweitern sucht[67], als eine allzu einseitige Zuspitzung betrachten. Man kann darin auch die überpointierte Form einer umfassenden Kulturthese erblicken: daß nämlich alle Kultur aus der Krise und Mangelhaftigkeit menschlicher Existenzerfahrung stammt, die es zu kompensieren gilt. Ob Dinglers Lesart als eine Überkompensation zu beurteilen wäre, diese Frage wäre dann Gegenstand kontroverser Diskussion. Diese müßte freilich bedenken, daß Dinglers Plädoyer für das tätige methodisch-konstruktive Eingreifen des Menschen in die Welt – die »Ergreifung des Wirklichen«, wie eine der großen Summen des Dinglerschen Werks, die letzte, betitelt ist – keineswegs aus schierer Eindimensionalität entspringt. Diese Behauptung und Einschätzung sei an drei Themenkomplexen untermauert, die hier allerdings nur anskizziert werden können. Allen dreien ist gemeinsam, daß gegenüber dem Methodischen das Ontologische – freilich in unterschiedlicher Weise – an Gewicht gewinnt.

Erstens: Ontologie des Erlebens. Dingler hat hier am deutlichsten ersichtlich Denkweisen und Motive der Lebensphilosophie übernommen, wobei er sich insbesondere auf den Begriff der Erlebens konzentriert. Die teils nachweisbaren, teils zu vermutenden Quellen und Bezüge sind vielfältig und sollen an dieser Stelle nicht detailliert verfolgt werden[68]. Hervorgehoben sei statt dessen die Präsenz und der Primat eines Weltverhältnisses, welches sich gerade nicht im herrschenwollenden Ausgriff methodischen Denkens und Handelns konstituiert, sondern diesem immer schon voraus und zugrunde liegt. Die Rede vom »Gegebenen«, als welches das Sein immer schon anwesend ist, wird bei Dingler m.E. am besten verstanden, wenn man es mit der Leitkategorie des Erlebens zu erschließen sucht. Erleben meint ganzheitliches Aufnehmen von Wirklichem in seiner unmittelbaren Präsenz und Fülle. Dies ist die ausgezeichnete, die prioritäre Weise des Erschließens von Wirklichkeit: die ursprüngliche, erkenntnistheoretisch »erste« im systematischen Sinne, weil der bewußten begrifflichen und logischen Konstruktion vorhergehend. »Alles ›ist‹ einfach«[69], ist ein »Da-es«[70]. Der Primat dieser Erschließungsweise ermöglicht es, eine primäre Existenz und Realität von einer sekundären – wozu das ganze eindeutig-methodische System Dinglers und die ganze Theorienwelt der Wissenschaften gehört – zu unterscheiden. Das Erleben ist es, welches der Irrationalität des Realen entspricht. Dingler bietet eine ungewöhnliche Fülle an Metaphern auf, um die erlebte Wirklichkeit sprachlich zu benennen: Das erlebte Sein fließt und strömt, es ist quellender Urgrund, Urstrom, von meereshafter Qualität; die Metapher des Urwalds zielt in die gleiche Richtung des Unergründlichen, Unausschöpfbaren, an dem alle Ausschöpfungen – »Exhaustionen« – ihr Ende und ihre Grenze finden. Eine einprägsame Metapher, die sozusagen schon ein gutes Stück Weges zum Begriff zurückgelegt hat, ist »das Unberührte«, mit dem Dingler in dem gleichnamigen Aufsatz aus dem Jahre 1942 seine ganz eigene »Definition des unmittelbar Gegebenen« (so der Untertitel des Aufsatzes) geben möchte. »Ich suche dasjenige Gegebene oder Da-es, das von mir noch nicht bewußt verändert worden ist, was also in diesem Sinne von mir noch nicht verändernd berührt worden ist. Damit aber haben wir zugleich eine treffende Benennung für dieses Gesuchte und soeben Definierte gefunden: Wir wollen es als »das Unberührte« bezeichnen.«[71] Im posthum veröffentlichten Aufsatz »Das Seelenproblem in methodischer Behandlung« heißt es entsprechend: »So kann also das Unberührte nur darin bestehen, daß wir die erlebte Welt freihalten für den Augenblick von allen bewußten geistigen Veränderungen, d.h. frei von allen geistigen Zutaten und Operationen daran.«[72] Aus dem »Erlebensstandpunkt« – oft auch nur »Lebensstandpunkt« genannt – zeigt sich der grüne Baum des Lebens im Gegensatz zur grauen Theorie der Wissenschaft, die lebendige Seele im Gegensatz zu ihrer Objektivation in den Theorien von Psychologie und Philosophie, das sprachliche Metier des Dichters und des Alltagssprechers im Gegensatz zum Begriffsbauer und -kombinierer. Die Differenz gehört zu unser aller Erfahrung: Wenn wir sehen, dann ist das Erleben dieser Wahrnehmung weit ab von der ganz anderen Welt der neurophysiologischen Erklärung oder der sensualistischen philosophischen Interpretation des Sehens.

Zweitens: Der Lebenswert von Wissenschaft. Dingler beläßt es keineswegs bei der schroffen Entgegensetzung von expansivem Subjekt und zu beherrschender Objektwelt, von Leben und Theorie, von sekundärer begrifflicher Konstruktion samt logisch-argumentativem Aufbau und primärem unmittelbarem Erleben als präsentem Vollzug samt Evidenzerlebnis. Es macht vielmehr den Rang der Dinglerschen Überlegungen aus, daß diese wohlbegründeten und analytisch sinnvollen Unterscheidungen, ja Gegensätze, reflexiv miteinander vermittelt werden. Pointiert gesagt, müßte eine solche Vermittlung darauf hinauslaufen, daß die Sphäre des Rationalen, also der Wissenschaft und in Dinglers Intention des »Gerüsts« der reinen Synthese, mit dem Irrationalen des Erlebens, des Wollens und der Alltäglichkeit mehr zu tun hat als dies auf den ersten Blick in der Trennung der Sphären aufscheinen mag. Dinglers Überlegungen gehen hier in unterschiedliche Richtungen, die sich zu einem komplexen Bild von Vorstrukturen zusammenfügen – Strukturen, die außerhalb der Wissenschaft und des Systematischen dieses gleichwohl vorbereiten, stützen und jedenfalls einen Sinnraum bereitstellen, innerhalb dessen das System als Form der Verfeinerung und Zuspitzung der Strukturen begriffen werden kann. Am weitesten vorgewagt hat sich Dingler dort, wo er in verschiedenen Kontexten die systematische Rationalität geradezu als Explikation eines Sinnes behauptet, der implizit bereits vor aller Wissenschaft – im Alltag, im Leben, in der Natur vorgegeben ist. Solche Vorstrukturen, mit denen die strikt getrennten Sphären von Theorie und Leben, Rationalem und Irrationalem ineinanderzuspielen scheinen, seien nur knapp benannt: Kulturgeschichtlich bedeutsam sind Praktiken und Techniken, die aus menschlichen Bedürfnissen heraus entstehen; so steckt beispielsweise in der alten kulturellen Technik der Vermessungskunst die Wissenschaft der Geometrie (Dingler spricht von einer »Gebrauchsgeometrie«[73]; die Geometrie macht explizit, was in den Messungen implizit praktiziert wird. Auf die Bedeutung der Alltäglichkeit als einer Vorstruktur verweist das Prinzip der pragmatischen Ordnung: Dieses regiert unser aller Handlungsabläufe und steckt in ihnen; Dinglers eigene begründungstheoretische Systematik tut nichts anderes, als dieses Implizite explizit zu machen. Hier ist auch schon ein Ansatz zu dem zu finden, was später in der konstruktivistischen Wissenschaftstheorie (Friedrich Kambartel, Jürgen Mittelstraß) unter sachlicher Bezugnahme auf Husserl – der seinerseits Dingler unmittelbar beeinflußt haben dürfte – als »lebensweltliches Apriori« von Wissenschaft herausgearbeitet wurde[74]. Anthropologisch interessant ist sicherlich das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit, ineins mit dem Bedürfnis nach Macht, um Sicherheit zu stabilisieren und auf Dauer zu stellen. Der Wille zur Herrschaft, jene Leitperspektivik zur voluntaristischen Deutung von System und Wissenschaft, gibt der Wissenschaft einen substantiellen Sitz im Leben. Gegenüber diesen fast (aber nur fast) schon teleologisch – nämlich im Sinne einer Naturabsicht oder dergleichen – zu deutenden Perspektiven auf Methodik und System gibt es auch andere, schier zufällige. Auch sie werden von Dingler thematisiert: Erkenntnistheoretisch, indem er von den »freisteigenden Vorstellungen« spricht. Sie sind nicht planbar und dennoch in der Theorienbildung und Forschung von beträchtlichem heuristischen Wert. Ontologisch, indem die Rede ist vom »Gegebenheitszufall«[75]. Gemeint ist die nicht verallgemeinerbare Singularität der Tatsache, daß wir überhaupt existieren, daß wir in diesem Weltall existieren und damit in einem stabilen physikalischen Bereich, innerhalb dessen es überhaupt möglich ist, kulturelle Leistungen wie etwa universale Aussagen und Gesetze zustandezubringen.

Drittens: Religionsphilosophische Überbauung. Ganz offensichtlich sieht Dingler sowohl seine ontologischen als auch seine voluntaristischen Überlegungen und Thesen letztlich in einer Religionsphilosophie verankert. Diese bezieht sich zwar auf konkrete Religionen in ihrer praktischen wie auch theoretischen Dimension – wobei das »Religiöse« auch auf nichtkirchliche spirituelle Bewegungen ausgeweitet wird –, doch geht es dabei nicht um eine religionswissenschaftliche Thematisierung und auch nicht um bestimmte Optionen konfessioneller Art, sondern um Material und Anwendungsfelder für eine philosophische Reflexion auf den Kern des Religiösen überhaupt. Nur zwei thematische Schwerpunkte seien hervorgehoben. Zum einen die starke Überzeugung, daß die menschliche Existenz im Leben (im »Lebenshintergrund«) und dieses in einer göttlichen Tiefendimension gründe, die umgekehrt die menschliche Existenz trägt. Nicht primär entscheidend scheint dabei für Dingler, ob ein solches Tragen mehr unpersönlich oder eher am personalen Modell eines Sorgens bis hin zur Gottesliebe zu fassen wäre. Entscheidend ist, daß die menschliche Existenz ins Religiöse geradezu eingewurzelt ist. Die Frage nach der »Wurzel« und dem »Boden«, auf die eine jegliche Begründung nach der Leitermetaphorik stößt: Sie endet für Dingler in einem religiösen »Letzten« (oder »Ersten«). Die »Gesamtheit des Gegenstehenden« – Inbegriff des Ontologischen – gewinnt nunmehr über den Rahmen eines macht- und herrschaftsbezogenen »faustischen« Weltverhältnisses hinaus eine dezidiert theologische – und damit prinzipiell unverfügbare – Bedeutung. Gerade im menschlich Unverfügbaren, nicht Mach- und Planbaren öffnet sich dem Menschen die Überzeugung eines fundamentalen Aufgehobenseins, einer Einheit mit sich und der Welt, einer Harmonie in allem. Dingler greift in diesem Zusammenhang auf den Begriff des »Friedens« wie des »Ausgleichs« zurück. Dieser enthält in sich eine Ambivalenz: Er ist nicht nur als Tatsachenfeststellung gemeint, sondern zugleich auch als Handlungsaufforderung. In diesem Sinne sei als zweiter Punkt mehr praktisch intendiert hervorgehoben eine starke Tendenz zum mystischen Erleben, das von Dingler mit dem Volitiven gekoppelt wird und in eine »Grundeinstellung« des Menschen gegenüber der »Gesamtheit des Gegenstehenden« mündet. Diese Grundeinstellung ist ein Gefühl der Hingabe, des Vertrauens darauf, als Mensch in einer göttlichen Ordnung aufgehoben zu sein. Dingler sieht in dieser Grundeinstellung geradezu »den Kern des ›Religiösen‹«[76]. Dieser Kern enthält ein unverzichtbar ethisches Moment: So nämlich zu handeln, daß dieses Handeln einschließlich seiner inneren Einstellung der göttlichen Ordnung entspricht. Die Befolgung des göttlichen Gesetzes in der jüdischen Religion wurde von Dingler in seinem Buch »Die Kultur der Juden« (1919) für eine solche religiöse Ethik als vorbildhaft betrachtet. Die Bevorzugung des mystischen Erlebens vor anderen Annäherungen an das Göttliche – ein durchaus kritisch zu überlegendes Faktum, dessen problematische Einseitigkeit hier nicht weiter verfolgt werden soll – läßt sich wohl verstehen mit Blick auf die unio mystica: eine Einheit mit dem Göttlichen, die im Erleben zustandekommt und gerade im »Irrationalen« ihren Ort hat. Daß der Wille mit diesem religiösen Erleben letztlich zusammenfällt – Dingler spricht vom »Zentralerlebnis«[77] – fordert ebenso zu kritischer Reflexion heraus. Wir wollen es dabei belassen, in eher hermeneutischer Weise die Intention festzuhalten, die in dieser Identifizierung steckt: Es handelt sich um nichts geringeres als den Versuch, die religionsphilosophische Dimension als die implizite Ordnung des Volitiven wie des Pragmatischen zu erweisen und somit die metaphysisch letzten Fundamente des Systems aus dessen elementaren Begründungsinstanzen heraus aufzuzeigen – die als Wille und Handeln dann natürlich ungleich mehr enthalten als »nur« eine technisch-operative, auf Herrschaft bezogene instrumentelle Rationalität. Dinglers Fazit: »So sehen wir die Lage des Menschen in einer Art von dialektischem Ruhen und Schweben im Gegenstehenden, in Gott, wo einerseits der Wille das zu verfolgen trachtet, was Gott ihm als Lebenslinie gegeben hat, und wo dieser Wille doch nicht starr und trotzig wird, sondern in dauernder inniger, elastischer Verbindung mit Gott es diesem überläßt, wieweit diese Lebenslinie richtig war und verfolgt werden kann. Dieses dialektische Schweben in Gott ist die Urtatsache des Daseins überhaupt. Erfolgt es in richtiger Art, dann ist es zugleich der Friede, von dem wir dann sagen müssen, daß er schließlich in der Tat höher sei als alle Vernunft.«[78] Die Konsequenzen und Implikationen dieser Grundüberzeugung sind in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln. Etwa ethischer Art: Daß die Maxime des subjektiven Handelns dem religiösen Gesetz des Lebens entspreche, ist eine Grundforderung, die sich bereits (im Blick auf das Judentum, aber zugleich in nichtjüdischer Aneignung durch Dingler selbst) in der Schrift über »Die Kultur der Juden« findet. Und kein Zweifel: Dinglers philosophische Reflexion auf eine religiös eingebundene menschliche Existenz bedeutet auch eine religiöse Nobilitierung der Wissenschaft und des ihr entsprechenden methodischen Tuns. So wächst der Wissenschaft von außerhalb ihrer selbst ein Sinn zu, den sie aus sich allein nicht zu leisten vermag.

EIN BLICK AUF DEN »POLITISCHEN DINGLER«

Wenn vom Verhältnis Dinglers zur Politik die Rede ist, so ist damit nicht gemeint das, woran im Sinne des Systemprogramms zuallererst zu denken wäre: der Anschluß der Sozial- und Politikwissenschaften an das System. Eine Theorie des Sozialen und Politischen in diesem Verständnis – wozu auch gehören würde ein methodisches Instrumentarium der Ideologieanalyse und -kritik – hat Dingler nicht einmal angedacht. Die Rede vom »politischen Dingler« meint vielmehr die Tatsache, daß der vor dem »Dritten Reich« eher unpolitische Dingler in manchen Schriften für den Nationalsozialismus ideologisch Position bezogen hat. Auch der Antisemitismus ist zu nennen, freilich in einem noch auszudifferenzierenden Verständnis.

Im Tableau des Gesamtoeuvres nimmt der »politische Dingler« einen sehr schmalen Sektor ein (siehe obige Überblicksskizze). Dieser umfaßt zeitlich die Jahre des »Dritten Reiches«, genauer 1934 bis 1943. Die entsprechende Textgrundlage findet sich in wenigen Aufsätzen, stark eingegrenzten und mitunter aufgesetzt wirkenden Passagen in zwei Büchern (Das Handeln im Sinne des höchsten Zieles (Absolute Ethik) 1935; Von der Tierseele zur Menschenseele. Die Geschichte der geistigen Menschwerdung, 1. Aufl. 1941, 3. Aufl. 1943) und im 120seitigen Typoskript über »Die seelische Eigenart der jüdischen Rasse. Eine biologisch-psychologische Untersuchung«, das nicht veröffentlicht wurde und vermutlich auf 1936 datierbar ist. Die Aufsätze und Buchpassagen heben hervor das Motiv der Volksgemeinschaft – worin man wohl eine (freilich kaum konkretisierte) politische Utopie Dinglers erblicken kann – und die überragende Bedeutung der Führergestalt Adolf Hitler. Im Typoskript erreicht Dingler die explizite Ebene eines biologischen Rassismus antisemitischer Art, indem er die jüdische Rasse als »Oberflächentypus« charakterisiert, der dem arischen »Tiefentypus« diametral entgegenstehe und dessen Eigenart gehirnphysiologisch festzustellen sei.

Obwohl es naheliegt, Nationalsozialismus und Antisemitismus als einen Komplex zu betrachten, sollte man gerade dies bei Dingler m.E. nicht tun. Bemerkenswert ist nämlich nicht nur, daß die »braunen« Buchpassagen und Aufsätze keine explizit antisemitischen Motive und Argumente enthalten (implizite Lesarten nicht ausgeschlossen). Der Antisemitismus des Typoskripts steht auch in schärfstem Gegensatz zum ausgesprochenen Philosemitismus, der Dinglers Denken angefangen mit dem Buch über »Die Kultur der Juden«, seit 1919 also, prägte (und der wenn nicht direkt, dann doch als Hintergrund bei der Entlassung Dinglers aus seinem Hochschullehreramt 1934 wirksam war). Die Selbstdistanzierung von diesem Buch, die Dingler auf zwei Blättern, datiert Mai 1937, in Bibliotheksexemplare einkleben ließ[79], enthält kein stichhaltiges Argument für die Abwendung von der jüdischen Kultur und Religion, die im Buch von 1919 ja geradezu als Modell für eine gelungene Verbindung zwischen wissenschaftlicher Rationalität und religiöser Letztbegründung positiv ausgezeichnet wird – und damit geradezu ein Modell darstellt für Dinglers eigene Verbindung von Rationalem und Irrationalem, System der reinen Synthese und Metaphysik. Im Hintergrund der Selbstdistanzierung wird man daher wohl eher den verzweifelten Versuch Dinglers vermuten dürfen, wieder in einem regulären Universitätsamt Fuß zu fassen. Von ganz anderem Kaliber ist hingegen das Typoskript. Hier verläßt Dingler die Ebene jeglicher methodisch kontrollierten Rationalität, ja – mit seiner Behauptung der gehirnphysiologischen Eigenart der jüdischen Rasse – sogar die Ebene empirischer Forschung und ihrer nachprüfbaren Ergebnisse. Als Leser blicken wir in einen wahren intellektuellen Abgrund, der sich von jeglicher begründeter Denkoperation gelöst hat. Wir nehmen teil an einer Art von Selbstaufgabe eines in seiner logisch-methodischen Stringenz bemerkenswerten Denkers. Die Abgründigkeit wird noch verstärkt durch die Tatsache, daß die fundamentale Denkstruktur der »Kultur der Juden« – die Einheit von Rationalität und irrationaler Religiosität und die Überzeugung von der Vereinbarkeit beider und von der Aufgehobenheit des denkenden und handelnden Menschen in der Ganzheit des Seins – Dinglers Denken bis in sein Spätwerk hinein prägte. Ich lasse den Gegensatz in all seiner Schroffheit stehen. Er sollte Anlaß geben zu intensiverer künftiger Forschung und Überlegung.

Zurück zu Dinglers unverhohlener Annäherung an den Nationalsozialismus. In diesem Zusammenhang scheint mir der 1934 in der Zeitschrift für Deutschkunde erschienene Aufsatz »Zur Philosophie des Dritten Reiches« von herausgehobener Bedeutung[80]. Zwar könnte man auch auf das 27. Kapitel des Buches »Von der Tierseele zur Menschenseele« verweisen. Dessen in der Kapitelüberschrift genannte »Religion der Zukunft« wird dort mit dem Nationalsozialismus identifiziert. Die in den vorangehenden Kapiteln systematisch skizzierte Kulturanthropologie und -geschichte läuft für Dingler erklärtermaßen auf ihren Gipfel im Nationalsozialismus zu, in dem Dingler »zum ersten Male Sicherheit, Gewißheit und Ruhe« für die menschliche Seele eingekehrt sieht[81]. Freilich: Dieses Ergebnis ist keines; es wirkt schlicht aufgesetzt und ergibt sich keineswegs aus dem Vorangehenden. Da ist der Aufsatz über »Die Philosophie des Dritten Reiches« ungleich besser durchgearbeitet und von einer gewissen homogenen Statur. Der Aufsatz ist allerdings weniger auf einer sachlich-argumentativen Ebene bemerkenswert, sondern wegen seiner rhetorischen und politisch-ideologischen Elemente. Mobilisiert er doch erstaunlich viele – und politisch höchst wirksame – Motive, Perspektiven, Gedankenfiguren, um auf diesen vielen Wegen dem einen Ziel zuzustreben: dem Nationalsozialismus.

Wir wollen die ideologische Strategie dieses Textes nicht weiter aufschlüsseln[82] und uns statt dessen darauf beschränken, mit Blick auf die Rahmenfragestellung der Sicherheit einen auffallenden Aspekt herauszustellen. Der Aufsatz scheint mir unter anderem deswegen bedeutsam, weil er auf eine geradezu frappierende Weise Dinglers Unsicherheit belegt, sein methodisches Denken kritisch-selbstbegrenzend zur Anwendung zu bringen. Die Einbettung der Theorie ins Leben, das Erleben als neues Zentrum des Philosophierens, die Suche nach dem Ersten und nach der »Tiefe«: Die bekannten Leitmotive des Dinglerschen Denkens werden hier systematisch aufgeboten und durch einen teleologischen Abriß der abendländischen Geistesgeschichte flankierend untermauert. Und dies alles, um daraus die unabweisbare Notwendigkeit einer arisch-völkischen Erneuerung unter Adolf Hitler abzuleiten. Der Gestus ist derjenige unbeirrter Sicherheit. Der Leser findet keinerlei Reflexion methodischer Art – müßte diese doch entweder die begründungstheoretische Riskanz des eigenen Unternehmens zugeben oder aber den Umstand offenlegen, daß die theoretischen Mechanismen der Herstellung von Sicherheit im vorliegenden Falle andere sind als diejenigen der »reinen Synthese«, des rationalen »Gerüsts«. So aber scheint eine ideologische Positionsnahme genauso »sicher« zu sein wie eine durch methodische Letztbegründung gewonnene Auszeichnung einer Theorie als »gesichert«. Meine Vermutung (die im folgenden Kapitel breiter abgestützt werden soll): Politische Texte wie der Aufsatz »Zur Philosophie des Dritten Reiches« und das Typoskript über »Die seelische Eigenart der jüdischen Rasse« sind repräsentativ für eine Seite von Dinglers Denken, wo dieses – hier im Übergang ins Politisch-Ideologische – sein methodisch-selbstkritisches Maß und die damit verbundene systemimmanente Sicherheit verliert.

Wäre die Politik so gesehen also durchaus bedeutsam für ein kritisches Verständnis von Dinglers Denken – ein Verständnis, das im folgenden Kapitel noch mehr entwickelt werden soll –, so kann sie gleichwohl nicht zum archimedischen Punkt einer Gesamtdeutung gemacht werden. Auch wenn in der heutigen öffentlichen Wahrnehmung der Makel einer Verbindung zum Nationalsozialismus einen langen Schatten wirft auf ein ganzes philosophisches Werk: Man sollte doch die Proportionen wahren und zur Kenntnis nehmen, daß Politik im Kontext des Dinglerschen Gesamtwerkes ein isolierter und begrenzter Komplex bleibt und daß Dingler kein Philosoph des Nationalsozialismus war[83]. Diesen Komplex in den Vordergrund zu stellen und das ganze übrige System auf diesen Komplex hin zulaufen zu lassen, wäre m.E. nur unter zwei Prämissen zwingend. Zum einen dann, wenn in der Tat der Nachweis zu erbringen wäre, daß die nationalsozialistische Wende bereits in den bis dahin entwickelten Werken Dinglers enthalten wäre – ein Nachweis, der schwerlich zu erbringen sein wird. Zum zweiten dann, wenn man das Politische und insbesondere das Moralische als absolut dominant setzt. Dies ist möglich, jedoch keineswegs zwingend und führt zwangsläufig zu perzeptiven Verzerrungen dann, wenn es für die Behandlung anderer Fragen – etwa solche systematisch-philosophischer und wissenschaftstheoretischer Art – zum Hemmnis wird. Daß es unterhalb dieser Gefahrenschwelle jeden Raum für Beschreibung, Analyse und Interpretation des »politischen« Dingler gibt, ist die selbstverständliche Angelegenheit wissenschaftlicher Forschung.

SICHERHEIT, GEWONNEN UND ZERRONNEN: VERSUCH EINER PROBLEMSYNOPSE

Gehen wir die Skizze von Dinglers Denkweg noch einmal aus der größeren Distanz durch, die dem Bemühen angemessen sein mag, den Weg als ganzes wahrzunehmen und ihn auch zu bewerten. Lassen wir dabei die methodischen und begründungstheoretischen Detailfragen der speziellen Wissenschaftstheorie beiseite, der Theorie der Physik, der Mathematik, der Biologie etc., inclusive des Fehlens geisteswissenschaftlicher Methoden und Begriffsinstrumentarien. Lassen wir auch beiseite die Frage der Anschlüsse und Übergänge zwischen den einzelnen Regionen des Gesamtsystems. Sie stellen mannigfache Fragen, werfen Unsicherheiten auf, mit wieviel logisch-systematischer Notwendigkeit und Unabwendbarkeit der Denkweg von »hier« nach »dort« gelangt: vom Dreiplattenverfahren zur euklidischen Geometrie, vom technischen Herstellungshandeln zum aktiven Willen, von diesem zum Erleben des Unberührten und zum religiösen »Zentralerlebnis«. Stellen wir statt dessen die Frage in den Mittelpunkt, wie es mit dem Gesamtdesign dieses in sich so vielfältigen Systems bestellt ist und wo die Hauptproblemlinie sich zieht.

Diese Linie ist m.E. zu suchen zwischen zwei großen Domänen des Denkens. Einerseits dem, was Dingler selbst als das »eindeutig-methodische System« bezeichnet: dem »Gerüst« der methodisch fortschreitenden, immer mehr Wissensbestände und Disziplinen an den pragmatischen Begründungskern anschließenden Rationalisierung. Und andererseits dem, was Dingler als »Metaphysik« bezeichnet, die sich auf ein »Irrationales« richtet: einer Reflexion auf das menschliche Weltverhältnis in seiner Unterschiedlichkeit zwischen Herrschaftswille und Erleben einer letzten religiösen Harmonie in allem, konzentriert um einen volitiven Kern. Das Hauptproblem: Letztlich wird die Metaphysik doch wohl nicht aus der Methodik und Pragmatik zu deduzieren sein, wie es einem axiomatisch-deduktiven System anstünde. Es wird sich doch wohl eher umgekehrt verhalten: Daß Dingler vom Handeln zum Wollen und dann zu dessen religiöser Aufladung kommt, weil ihm das metaphysisch »Letzte« – das Religiöse eben – schon von vornherein als das einzig anstrebbare Ziel erschien; was ja durchaus auch den Fall einschließt, daß man im bislang Gedachten und Erarbeiteten auf implizite Sinngehalte stößt, die man bislang noch nicht als solche erkannt hatte. Eine solche Sichtweise entspräche auch der Logik der Exhaustion: Man schöpft ein Material auf eine geistig vorgegebene Form hin aus. Freilich: Mit den Mitteln einer pragmatisch-technischen Methodik allein wird ein solcher Zirkel nicht zu leisten sein.

Der problematischen Zweiheit der thematischen Domänen entspricht eine ebenso problematische Unsicherheit in Denkstruktur wie -strategie. Schon die Uneindeutigkeit der Entscheidung, was nun zum »System« gehört und was nicht (ist das System »alles« inclusive Voluntarismus und religionsphilosophischer Metaphysik, oder ist es nur das »eindeutig-methodische System« im Sinne des eingegrenzten Binnenbereichs des rationalen »Gerüsts«?): Schon diese Frage der Zuordenbarkeit hinterläßt im Theoretischen Unsicherheit. Diese setzt sich fort in zwei gegensätzlichen selbstbezüglichen Denk- und Sichtweisen, die Dinglers Philosophieverständnis wie auch die selbstreflexive Anwendung der eigenen methodisch-systematischen Normen und Ideale in einer fundamentalen Ambivalenz und Inkommensurabilität erscheinen lassen. Die eine Sichtweise ist die kritisch-systematische: Sie entspricht dem Maßstab methodischer und pragmatischer Ordnung, ruht auf dem »eindeutig-methodischen System« und folgt dem Programm einer beharrlichen Ausweitung des bereits gesicherten Systemkerns durch Anschlüsse als Einbeziehungen neuer rekonstruierter Disziplinen ins System. Diese Sichtweise könnte man als kantianischen Typus kennzeichnen insofern, als sie aus einer Binnenrationalität heraus die Grenzen ihrer Reichweite festlegt. Diesem kritischen Denken steht nun aber gegenüber eine aus kritischer Perspektive nicht zu rechtfertigende Überschreitung der Grenzen, die sich als methodisch illegitim erweist, sich aber dennoch im Gestus beanspruchter Sicherheit und methodischer Konstruierbarkeit selbst zu bestätigen sucht. Dieser Denktypus ist bei Dingler genauso unübersehbar wie sein kritisches Pendant. Er tritt dort auf, wo die Kennzeichen und Qualitätsmerkmale kritisch-methodischen Denkens – methodischer Aufbau, systematische Ordnung, Sicherheit, Vollbegründung – aus dem Bereich des eindeutig-methodischen Systems sozusagen in den Bereich der »Insystematisanda«, des echt Irrationalen hinüberkopiert und als erfolgreich anwendbar behauptet werden. Einige Beispiele aus dem religionsphilosophischen Bereich mögen das Behauptete belegen. In seinem »Metaphysik«-Buch von 1929 spricht Dingler die ganze Spannweite seines Philosophierens mit einem gewissen Pathos an; konkret nimmt er dabei auf die religiöse Einheit von menschlichem Tun und Wollen einerseits und Ordnung des Seins andererseits Bezug: »So fällt an dieser letzten Stelle unserer Erkenntnis das Resultat unseres strengsten logischen Denkens mit dem Geheimnis unseres reinsten und tiefsten Fühlens und Wollens, mit dem letzten Kern meines Lebens und Seins in Eins zusammen. Ecce, his deus est!«[84] Es werden zwar zwei Wege zu Gott gezeigt, doch führt auch schon der erste davon, der Weg der Rationalität, erklärtermaßen zum religiösen Ziel. Entsprechend ist Dingler überzeugt, daß sich das Religiöse »vom Rationalen her mit absoluter Beweiskraft« aufbauen lasse[85], »für jeden sozusagen mathematisch beweisbar gemacht« werde[86]. »Wenn man will, haben wir also in unseren Darlegungen den einzig möglichen und auch einzig wirklich exakten Gottesbeweis vor uns.«[87] Es ist nur konsequent, wenn Dingler – gegen das eigene kritische Denken der Grenze! – beansprucht, »seinen (des Gotteserlebnisses; Ulrich Weiß) logischen Ort innerhalb eines rationalen Systems festlegen zu können«[88]. Was dem System als Vorstruktur ontologisch vorausgeht – und im tiefsten Kern als »Gott« benannt wird –, das wird vom System methodisch-rational als Ergebnis aufgebaut: es kehrt »am Gipfel unseres konstruktiven Gebäudes der reinen Synthese wieder, diesmal aber in erklärter Gestalt«[89]. Ein solcher Satz ist hochspekulativ; er nimmt eine umfassende Ganzheit für sich in Anspruch und entspricht damit eher einem »Hegelschen« als einem »Kantischen« Typus des Denkens. Kein Zweifel: Dingler schießt damit weit über sein Programm eines Denkens auf der Grenze hinaus.

Nun muß man hermeneutisch immer »das Ganze« zu sehen versuchen, um die Teile aus dem Ganzen heraus zu verstehen. Umgekehrt wird sich die Gestalt des Ganzen nicht unbeeinflußt von den Teilen ergeben. In diesem Sinne ist es angemessen darauf hinzuweisen, daß Dingler selbst nicht nur und ausschließlich den Impetus methodischer Rationalität walten läßt, um damit auch das Irrationale noch bis hin zum religiösen Bereich zu erobern. Er bemerkt an anderen Stellen ganz bewußt, daß ein solches methodisches Konstruieren gerade nicht möglich ist, weil der vermeintliche Gegenstand sich jeglicher methodischer Objektkonstruktion entzieht. »... daß in der reinen Synthese Gott nicht konstruiert werden kann«, lautet die These im Buch über den »Zusammenbruch der Wissenschaft«[90]. Und weiter: »Aber, es wäre schon rein theoretisch, d.h. vom rein logischen Standpunkte aus nicht möglich, irgendwie mit einer solchen Reihe, wie der Mathematiker sagt, ›zum Limes (d.h. zum Letzten) überzugehen.‹«[91]. So bleibt im ganzen der Eindruck eines merkwürdigen Oszillierens in der Denktypik. Es scheint so, als würde immer wieder zwischen beiden Typen, dem kritisch-selbstrestriktiven und einer sich selbst überschätzenden, ins Spekulative erobernd eindringenden Methodik hin und her geschaltet. Wie wirksam dabei die Neigung zur Übersteigerung und zur Überstrapazierung des eigenen methodischen Anspruches ist, das zeigt sich dann spätestens in der prekären Bezüglichkeit Dinglers zur Politik. Im Politisch-Ideologischen hat Dingler das Terrain der Sicherheit, seine Antwort auf die Geltungsfrage und die Frage der Vollbegründung, gewiß verlassen. Aus der auch im Ideologischen noch beanspruchten Sicherheit wird eine bloße certistische Geste, die sich nicht mehr methodisch und argumentativ untermauern läßt (was elaborierte rhetorische und ideologische Figuren keineswegs ausschließt).

Aus der Perspektive eines Blicks auf die philosophische, zeitdiagnostische wie zeitkritische intellektuelle Landschaft der Philosophie seit Nietzsche und speziell in der Weimarer Republik läßt sich der Verlust an Sicherheit in eine denkstrategischen Lagesondierung aufnehmen und weiterüberlegen. Die geistige Situation von Krise und tiefer Verunsicherung, auf die in diesem Essay – mit Dingler – Bezug genommen wurde, beinhaltet eine Art von Weggabelung, die indes von Dingler gar nicht als solche – und das heißt: als Wahlmöglichkeit, als offene Alternative – wahrgenommen wurde. Was ist das für eine Alternative? Wir erkennen sie, wenn wir noch einmal das Sicherheitsproblem aufnehmen und uns der Krisendiagnostik erinnern, die in der Weimarer Republik fast Gemeingut war (und es bis heute, mit Modifikationen und Zusätzen, geblieben ist). Nehmen wir die Kulturkritiker wie Spengler, die Existenzdenker wie Heidegger und Jaspers, aber auch kritische Reflexionen auf den Stand der zeitgenössischen Philosophie, wie sie in Ludwig Freunds Buch »Das Ende der Philosophie« (1939) oder Franz Kröners bereits erwähnter systematologischer Untersuchung über »Die Anarchie der philosophischen Systeme« (1929) angestellt wurden. Krise allenthalben, Bodenlosigkeit und Verlust an Sicherheit der Orientierung. Bei aller Übereinstimmung in der Wahrnehmung einer tiefen Krise bleiben die Beschreibungsmittel unterschiedlich, ebenso die gedanklichen Herkünfte und Genealogien, entsprechend auch die Wege des Denkens im Angesicht der Krise, die Auswege, Umwege, Irrwege, Holzwege sein mögen – in jedem Falle der Krise denkerisch zu entsprechen suchen. So unterschiedlich diese Wege auch sind: Wir können doch eine prinzipielle Alternative erkennen. Die eine Strategie – der geschlossene Typus – besteht darin, die Krise durch die Herstellung einer absoluten neuen Sicherheit zu überwinden. Das ist ganz offenkundig Dinglers Weg. Wo die Unsicherheit in den Grundlagen selbst nistet, dort wird das Begründungsdenken auf eine unerhörte Weise herausgefordert, die zur Konstruktion des eindeutig-methodischen Systems führt. Wir führen die Erzählung hier nicht fort, die – etwa im Sinne von Franz Kröner, aber auch im Sinne der Kritischen Theorie der »Dialektik der Aufklärung« – lauten könnte: Aber das System selbst produziert im Verlauf seines Aufbaus dann die Probleme, zu deren Lösung es angetreten war. Der geschlossene Typus ist aber nur eine der möglichen Strategien. Die andere Strategie ist eine offene. Sie begreift die Krise als Chance, ihr durch ein Denken zu entsprechen, das sich nicht in den – aus der Sicht dieser Strategie – Irrweg übersteigerter Sicherheitserwartungen flüchtet, sondern im Vollzug seiner selbst der Bodenlosigkeit und Orientierungslosigkeit zu entsprechen sucht. Das liefe darauf hinaus, der Herausforderung nicht in ihre aufgestellte Falle zu gehen, sondern andere – aus der systemischen Sicht Dinglers freilich unsichere und insofern ungenügende – Denkwege zu gehen. Heidegger und Jaspers, Freund, Kröner stehen für diese Seite der Alternative. Man könnte eine lange Reihe anderer Namen und Theorien anfügen[92]. Vorrangig wichtig scheint nun die prinzipielle Fragestellung, wie sie sich in der Metapher der Weggabelung anschaulich vorstellen läßt. Die gemeinsame Krisendiagnose kommt an eine Weggabelung, wo sich die Alternative zwischen offenen und geschlossenen Denkstrategien stellt. Für Dingler scheint sich die Alternative nicht ernsthaft gestellt zu haben. Die Sache scheint zumindest strategisch immer schon entschieden gewesen zu sein. Was bedeutet das unter der Frageperspektive der Suche nach Sicherheit? Meines Erachtens Gravierendes: Dingler hat seine Grundentscheidung nicht genügend abgesichert, indem er die andere Option nicht genügend wahrnimmt, was auch und gerade heißt: indem er sie nicht stark genug macht, um sie dann gegebenenfalls abzulehnen.

Noch einmal sei es gesagt: Sub specie certitudinis ein gescheitertes Maximalprojekt. Eigentlich hat man es doch immer schon gewußt, daß es im menschlichen Leben und Denken keine letztverbindliche Sicherheit geben kann – es sei denn, man suche geistige Heimat in einem der sich vielfältig anbietenden Sinngehäuse religiöser, metaphysischer, wissenschaftlich-weltanschaulicher oder ideologischer Art (wovon Dingler zumindest die szientistische Aufblähung der Wissenschaft zur umfassenden Ideologie scharf gesehen und kritisiert hat). Und selbst diese bieten letztlich keine Garantie vor dem Abfall, der Banalisierung, dem Verbrauch oder auch der Verzweiflung. Hat Dingler um diese Faktizität der conditio humana gewußt? Ein naheliegendes Interpretament sagt uns, er müsse es überaus intensiv und geradezu bedrängend verspürt haben – wer sonst als ein zutiefst Verunsicherter könnte einen solchen sich selbst widerlegenden Traum von der absoluten Sicherheit im Denken träumen? Ein anderes Interpretament wäre dasjenige einer tiefen, sich selbst nicht mehr einsichtigen Deperzeption, die in der Tat für bare Münze nähme, was sie sich wünscht. Dies wäre die dogmatische Deutungsvariante[93]. Wie auch immer: Angesichts dieser Diskrepanzen wird man Dingler den Grundzug einer tiefen Zerrissenheit nicht absprechen können; diese weiter zu qualifizieren (als tragisch, zeitsymptomatisch, psychisch labil oder wie auch immer), möge dem Leser überlassen bleiben, der dem Bedürfnis nach einer Gesamtdeutung dieses Philosophen über das hier Gesagte hinaus nachgehen möchte.

Nicht zuletzt aber empfehle ich, allfälligem Leichtsinn einer allzu totalen Kritik vorbeugend, die mögliche Produktivität des Scheiterns auch bei Dingler in Betracht zu ziehen. Diesseits seines eigenen Maximalanspruchs, ja im Angesicht von dessen Scheitern und Uneinlösbarkeit, verdankt die Philosophie des 20. Jahrhunderts bis heute Dingler substantielle Anstöße und Ansätze: die selbstreflexive Ausarbeitung und Praktizierung eines methodisch kontrollierten Denkens; die Frage nach den Grundlagen der Wissenschaften und damit eines integralen Bestandteils unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation; die Verbindung von Wissenschaft und Technik, insbesondere in einer der wenigen Theorien des Experiments überhaupt; eine konsequente und wohl die weitestgehende Einbeziehung des Pragmatischen und des Technisch-Praktischen in die Erkenntnistheorie und Philosophie der Wissenschaft; eine spezifische, methodisch-wissenschaftlich zentrierte System- und Grenzreflexion; einen Systembau, der in einer bis heute anhaltenden Zeit der Skepsis gegenüber philosophischen Systemen vielleicht weniger in seinem Gesamtresultat als vielmehr in seinen vielfältigen Anschlüssen und Gelenkstellen zur Herstellung einer umfassenden Weltsicht nach wie vor Aufmerksamkeit verdient; das Programm einer operativ-pragmatischen Rekonstruktion unseres Wissenschaftssystems, das Anlaß und Grund war nicht nur für Kontroversen und mehrfach motivierte Ablehnung[94], sondern auch für mannigfache Versuche, Dinglers Denkansatz und seine speziellen Anwendungen kritisch-konstruktiv aufzunehmen und weiterzudenken. Diese Versuche reichen bis heute, und ihre Energie hat sich noch längst nicht erschöpft[95]. Nicht viele Worte sind zu machen darüber, daß die abgründigen Fragen nach dem Metaphysischen und nach dem Politischen unser heutiges Denken trotz so mancher Leugnung und Verharmlosung immer noch und immer wieder in Atem halten. Schließlich ist nicht zu vergessen jene hermeneutisch-rekonstruktive geisteswissenschaftliche Arbeit, welche Dinglers Werk im vielfältigen Kontext interpretiert und es in seinem inneren Zusammenhang wie auch in seiner darüber hinausgehenden Bedeutung zu erschließen unternimmt[96]. Bedenkt man diese Fülle der Bezugnahmen in Konsens wie Dissens, und zieht man dazu das hohe theoretische Potential von Dinglers Gesamtwerk in Betracht, so stellt sich durchaus die Frage nach einer »Renaissance« Dinglers[97]. Diese könnte sich aber wohl kaum in einer Übernahme seines monistischen Letztbegründungsanspruchs ergeben, sondern eher in der Öffnung des ganzen Oeuvres von Dingler für plurale Lektüren, d.h. für Lesarten aus unterschiedlichen Perspektiven, mit unterschiedlichem methodischem Rüstzeug. Erkenntnistheoretische, methodologische, philosophiegeschichtliche, kulturwissenschaftliche, sprachanalytische, ethische, politische Lektüren sind ebenso vorstellbar wie auch Bezugnahmen aus den mathematischen und naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen heraus. –

Kurzum: Wenn das gesetzte Maximum auch scheitert, so wird man aus Dinglers Werk auf einer ermäßigten und bescheideneren Ebene eine reiche Produktivität des Denkens finden, die es wiederzuentdecken, wiederaufzunehmen und – zu welchem Ergebnis auch immer – weiterzudenken gilt. Ganz abgesehen von der Tatsache, daß in unserer modernen sich progressiv und umfassend selbst versichernden Sozialwelt ein Theoretiker, der auf soviel Risiko setzt, um alles Risiko zu vermeiden, möglicherweise ein repräsentativerer Typus ist, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

 

  [1] Hugo Dingler: Das Sicherheitsproblem in seiner Bedeutung für die Naturwissenschaften und das Irrationale, Typoskript des am 27.2.1950 von RIAS Berlin gesendeten Rundfunkbeitrags, S.3.

  [2] Hugo Dingler: Das Sicherheitsproblem in seiner Bedeutung für die Naturwissenschaften und das Irrationale, Typoskript des am 27.2.1950 von RIAS Berlin gesendeten Rundfunkbeitrags, S.1f.

  [3] Hugo Dingler: Das Sicherheitsproblem in seiner Bedeutung für die Naturwissenschaften und das Irrationale, Typoskript des am 27.2.1950 von RIAS Berlin gesendeten Rundfunkbeitrags, S.3.

  [4] Dingler schreibt mitunter auch »eindeutig methodisches System«, also ohne Bindestrich.

  [5] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, Anhang S.402.

  [6] Charakteristisch: Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955. Das »logische Gerüst« zieht sich als feststehende Formulierung schon früh durch Dinglers Schriften.

  [7] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.9.

  [8] So der Untertitel von Dinglers »Grundriß der methodischen Philosophie« (1949).

  [9] Hugo Dingler: Grundriß der methodischen Philosophie. Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme, 1949, S.8. – »Die Sicherheit« lautet der Titel des 1. Kapitels.

[10] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.4.

[11] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.1.

[12] oder eben auch: »das System«; Ulrich Weiß.

[13] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.5.

[14] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.19.

[15] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.19.

[16] Zur Einbeziehung der antiken Skepsis siehe etwa: Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931.

[17] Neuausgabe Graz 1970 mit einem Geleitwort von Ferdinand Gonseth und einem Nachwort: »Über die Systematologie« von Georg Jánoska.

[18] Hugo Dingler: Grundriß der methodischen Philosophie. Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme, 1949, S.7.

[19] Hugo Dingler: Grundriß der methodischen Philosophie. Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme, 1949, S.129.

[20] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.34 (die Absätze des Originals wurden weggelassen).

[21] Siehe zu den u-Reihen vor allem: Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.215ff. sowie Hugo Dingler: Philosophie der Logik und Arithmetik, 1931, S.46ff.

[22] Hugo Dingler: Philosophie der Logik und Arithmetik, 1931, S.109.

[23] Hugo Dingler: Philosophie der Logik und Arithmetik, 1931, S.107.

[24] Hugo Dingler: Philosophie der Logik und Arithmetik, 1931, S.108 (Absätze des Originals wurden im Zitat ignoriert).

[25] Hugo Dingler: Philosophie der Logik und Arithmetik, 1931, S.107.

[26] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.36.

[27] Hugo Dingler: Das Experiment. Sein Wesen und seine Geschichte, 1928, S.188.

[28] Siehe dazu, mit Belegnachweisen: Ulrich Weiß: Hugo Dinglers methodische Philosophie. Eine kritische Rekonstruktion ihres voluntaristisch-pragmatischen Begründungszusammenhangs, Mannheim / Wien / Zürich 1991, S.350ff.

[29] Siehe insbesondere Hugo Dingler: Relativitätstheorie und Ökonomieprinzip, 1922, S.19-21. Dort wird explizit der Bezug zwischen Exhaustion und Löffelmetapher hergestellt.

[30] Vgl. Karl R. Popper (1979): Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930-1933 hg. von Troels Eggers Hansen, Tübingen, S.375 und 394f.

[31] Hugo Dingler: Die Grundlagen der Naturphilosophie, 1913, S.115; Hugo Dingler: Physik und Hypothese. Versuch einer induktiven Wissenschaftslehre nebst einer kritischen Analyse der Fundamente der Relativitätstheorie, 1921, S.52. Vgl. dazu die Anmerkung von Wilhelm Krampf in Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.233 Anm.1.

[32] Hugo Dingler: Methodik statt Erkenntnistheorie und Wissenschaftslehre (1936), in: Dingler: Aufsätze zur Methodik, Hg. Ulrich Weiß, Hamburg 1987, S.29.

[33] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.404.

[34] Hugo Dingler: Über die Geschichte und das Wesen des Experimentes, 1952, S.11.

[35] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.200.

[36] Hugo Dingler: Das System. Das philosophisch-rationale Grundproblem und die exakte Methode der Philosophie, 1930, S.46.

[37] Hugo Dingler: Philosophie der Logik und Arithmetik, 1931, S.70.

[38] Hugo Dingler: Der Glaube an die Weltmaschine und seine Überwindung, 1932, S.10f.

[39] Hugo Dingler: Das physikalische Weltbild, 1951, S.13.

[40] Auswahlweise seien neben Paul Lorenzen genannt Peter Janich, Jürgen Mittelstraß, Carl Friedrich Gethmann, Kuno Lorenz und Christian Thiel. In den breitgefächerten Forschungsgebieten – Protophysik, Grundlage der Mathematik, insbesondere der Geometrie, Grundlagen der Logik und Argumentationstheorie – wurden zentrale Motive und Strategien von Dinglers methodisch-pragmatischem Begründungsdenken aufgenommen und kritisch weiterentwickelt.

[41] Hugo Dingler: Die Grundlagen der Geometrie. Ihre Bedeutung für Philosophie, Mathematik, Physik und Technik, 1933, S.39.

[42] Siehe bspw. Hugo Dingler: Die Grundlagen der Geometrie. Ihre Bedeutung für Philosophie, Mathematik, Physik und Technik, 1933, S.40.

[43] Hugo Dingler: Die Methode der Physik, 1938, S.109.

[44] Bspw. der Kristall, das Gebäude, die Pyramide, aber auch das Netz oder der Strickstrumpf.

[45] Siehe: Hugo Dingler: Das System. Das philosophisch-rationale Grundproblem und die exakte Methode der Philosophie, 1930.

[46] Siehe ebenfalls: Hugo Dingler: Das System. Das philosophisch-rationale Grundproblem und die exakte Methode der Philosophie, 1930.

[47] Hugo Dingler: Grundriß der methodischen Philosophie. Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme, 1949, S.87 (im Original kursiv). Ebenso Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.136.

[48] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.134 (im Original kursiv).

[49] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.175.

[50] Siehe dazu schon: Hugo Dingler: Die Grundlagen der Naturphilosophie, 1913.

[51] Hugo Dingler: Grenzen und Ziele der Wissenschaft, 1910, 4. Kapitel: Weitere Konsequenzen und Schluß. – Dort wird eine Reihe von »Limessätzen« formuliert und direkt auf die »Limesmethode« Bezug genommen.

[52] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.207.

[53] Dingler selbst stellt die Begriffsreihe so zusammen und gibt auch die entsprechenden Schriften an: Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.37 Anm.2.

[54] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.209.

[55] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.209.

[56] So die Kapitelüberschrift in: Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.72.

[57] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.271.

[58] Vgl. Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.237: »daß alle allgemeinen Formen in mir, meinem Entschluß, meiner Wahl, meinem Willen liegen«.

[59] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.156 und folgende.

[60] Das Wollen bildet bei Descartes nur ein Moment des Denkens neben anderen.

[61] Hugo Dingler: Die Grundlagen der Physik. Synthetische Prinzipien der mathematischen Naturphilosophie, 2. Aufl. 1923, S.11.

[62] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.186.

[63] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.74.

[64] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.73f.

[65] Siehe Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.74.

[66] Vgl. dazu schon: Hugo Dingler: Die Grundlagen der Naturphilosophie, 1913, S.185.

[67] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.180f.

[68] Siehe dazu mein Buch: Ulrich Weiß: Hugo Dinglers methodische Philosophie. Eine kritische Rekonstruktion ihres voluntaristisch-pragmatischen Begründungszusammenhangs, Mannheim / Wien / Zürich 1991, S. 330ff.

[69] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.44.

[70] Hugo Dingler: Das Unberührte. Die Definition des unmittelbar Gegebenen (1942), in: Dingler: Aufsätze zur Methodik, Hg. Ulrich Weiß, Hamburg 1987, S.66.

[71] Hugo Dingler: Das Unberührte. Die Definition des unmittelbar Gegebenen (1942), in: Dingler: Aufsätze zur Methodik, Hg. Ulrich Weiß, Hamburg 1987, S.66.

[72] Hugo Dingler: Das Seelenproblem in methodischer Behandlung, in: Dingler: Aufsätze zur Methodik, Hg. Ulrich Weiß, Hamburg 1987, S.131 (im Original durchgängig kursiv).

[73] Hugo Dingler: Die Methode der Physik, 1938, S.108.

[74] Ich beschränke mich auf einen von vielen Belegen: Jürgen Mittelstraß: Das lebensweltliche Apriori, in: Carl Friedrich Gethmann (Hg.): Lebenswelt und Wissenschaft. Studien zum Verhältnis von Phänomenologie und Wissenschaftstheorie, Bonn 1991, S.114-142.

[75] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.252. Vgl. Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.117f.

[76] Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, S.175.

[77] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.192 und folgende.

[78] Hugo Dingler: Das Geltungsproblem als Fundament aller strengen Naturwissenschaften und das Irrationale, in: Naturwissenschaft Religion Weltanschauung. Arbeitstagung des Gmelin-Instituts für anorganische Chemie und Grenzgebiete in der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Clausthal-Zellerfeld 1949, S.295.

[79] Siehe in Abt. VII der vorliegenden Werkausgabe.

[80] Dingler selbst verweist in einer einleitenden Fußnote darauf, daß der Aufsatz zum einen aus einem Vortrag mit dem Titel »Menschenführung im technischen Zeitalter«, gehalten »auf der zweiten evangelischen Akademikertagung in Hannover am 18. April 1933«, und zum anderen aus »einer am Pädagogischen Institut Mainz im Wintersemester 1933/34 gehaltenen einstündigen Vorlesung mit dem Titel des Aufsatzes« hervorgegangen sei.

[81] Hugo Dingler: Von der Tierseele zur Menschenseele. Die Geschichte der geistigen Menschwerdung, 3. Aufl. 1943, S.393; im Original durch Sperrung hervorgehoben.

[82] Ich habe einen Versuch in dieser Richtung unternommen in einem Vortrag mit dem Titel »Hugo Dingler, der Nationalsozialismus und das Judentum«, den ich auf der Hugo Dingler Tagung aus Anlaß seines 50. Todestages – veranstaltet am 2./3. Juni 2004 an der Universität Marburg – gehalten habe. Eine Publikation der Vorträge dieser Tagung ist vorgesehen.

[83] Was die weitaus überwiegende Einschätzung derjenigen ist, die sich überhaupt mit dem »politischen Dingler« befaßt haben. Siehe etwa Claudia Schorcht, Christian Tilitzky, Gereon Wolters.

[84] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.111.

[85] Hugo Dingler: Grundriß der methodischen Philosophie. Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme, 1949, S.117.

[86] Hugo Dingler: Grundriß der methodischen Philosophie. Die Lösungen der philosophischen Hauptprobleme, 1949, S.115.

[87] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.178.

[88] Hugo Dingler: Metaphysik als Wissenschaft vom Letzten, 1929, S.196.

[89] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.391.

[90] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.395.

[91] Hugo Dingler: Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie, 2. Aufl. 1931, S.395f.

[92] Die meisten Wissenschaftstheoretiker würden dazu zu zählen sein.

[93] Wie sie etwa von Hans Albert aus kritisch-rationalistischer Perspektive vertreten wird.

[94] Hier sind generell zu nennen die Gegenstellungen, die sich aus den zu Dingler heterogenen Ansätzen und Leitperspektiven anderer maßgeblicher Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien ergeben: dem Logischen Empirismus von Schlick, Carnap, Reichenbach; dem Kritischen Rationalismus von Popper und Albert. Besonders hinzuweisen ist auf die themenbezogenen Debatten, wie sie etwa um die »Protophysik« (Paul Lorenzens und seiner konstruktivistischen Schule, insbesondere Peter Janich) und die »operative Geometrie« geführt wurden. Schon zu Lebzeiten Dinglers gab es Kontroversen, an denen Dingler selbst sich beteiligte. So nahm er zur kritischen Behandlung seines Buches »Das Experiment« (1928) durch E. v. Aster und Th. Vogel in seinem Aufsatz »Über den Aufbau der experimentellen Physik« (siehe vorliegende Werkausgabe, Abt. II.1) Stellung, der (wie auch der Aufsatz von Aster und Vogel) 1931 in der von Hans Reichenbach herausgegebenen Zeitschrift »Erkenntnis« erschien. In der »Physikalischen Zeitschrift« gab es 1935/36 eine Diskussion über die Lorentz-Transformation. Eine Folge von wechselseitigen Repliken wurde ausgelöst durch den Aufsatz »Die Lorentz-Transformation als ein Element der klassischen Mechanik«, den Dingler zusammen mit Max Steck verfaßt hatte (die Kontroverse ist in Abt. II.2 der vorliegenden Werkausgabe zu finden).

[95] Man denke repräsentativ an Ulrich Hoyers grundlegende Arbeiten zur Theorie der Physik sowie an das reiche Forschungsfeld, dem sich Peter Janich und seine Gruppe von jüngeren Wissenschaftlern mit ihrem Programm eines »Methodischen Kulturalismus« verschrieben haben. Auch die ganz pragmatische Bedeutung von Dinglers operativer Geometrie für die Mathematikdidaktik (bei Erich Bopp, P. Bender, Alfred Schreiber, Lucas Amiras) verdient Beachtung. Schließlich sei auch Klaus Holzkamps Auseinandersetzung mit dem Kritischen Rationalismus und deren Grundlage erwähnt: die Betonung des exhaustiven Verfahrens sowie die Deutung des wissenschaftlichen Handelns im substantiellen Rückgriff auf Hugo Dingler.

[96] Aus heutiger Perspektive lassen sich zwei Generationen einer solchen hermeneutisch-rekonstruktiven Rezeption ausmachen. Für die erste Generation stehen Wilhelm Krampf, Eduard May, Alf Nyman, Herbert Sanborn, aber auch eine Reihe von Autoren, die sich in ihren Dissertationen mit Dingler beschäftigen (Fritz Scheele, Heinz Weinberg, Richard Philipp Krenzer, Erhard Gorn). In der zweiten Generation seien auswahlweise genannt Jörg Willer, Ulrich Weiß, Kirstin Zeyer. Wie schon ein flüchtiger Blick in die Bibliographie der Sekundärliteratur zu Dingler zeigt, verstehen sich diese Hinweise als höchst selektiv.

[97] So die Forderung von Kirstin Zeyer: Die methodische Philosophie Hugo Dinglers und der transzendentale Idealismus Immanuel Kants. Mit einem Geleitwort von Ulrich Hoyer, Hildesheim / Zürich / New York 1999, S.150.

 

Weiß, Ulrich: Sicherheitstraum und Systemwille: Ein einleitender Essay, in: Hugo Dingler: Gesammelte Werke auf CD-ROM, im Auftrag der Hugo-Dingler-Stiftung, Aschaffenburg, herausgegeben von Ulrich Weiß unter Mitarbeit von Silke Jeltsch und Thomas Mohrs, Verlag Karsten Worm InfoSoftWare, Berlin 2004. [Formatreduzierter Reintext-Auszug aus der CD-ROM-Ausgabe.]

 

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